Wartezeiten für Psychotherapie zwar verkürzt, aber immer noch zu lang

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Erfurt, 14. Juli 2020 – Immer mehr Menschen in Thüringen benötigen eine Psychotherapie. Allein im Jahr 2018 suchten in Thüringen rund 67.300 Menschen einen Psychotherapeuten auf. Das sind 64,9 Prozent mehr als noch im Jahr 2009. Um Betroffenen schneller zu helfen, wurde im Jahr 2017 die Psychotherapie-Richtlinie reformiert. Aus dem aktuellen BARMER Arztreport geht hervor, dass lediglich etwa 16 Prozent der Patientinnen und Patienten acht oder mehr Wochen bis zum Therapiebeginn warten müssen.

„Menschen, die psychotherapeutische Hilfe benötigen, erhalten seit der Reform der Psychotherapie-Richtlinie schneller einen Termin für ein erstes Gespräch mit einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Allerdings sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz noch immer recht lang, zumal sich psychische Probleme chronifizieren können. Wenn räumlich möglich und wenn es medizinisch sinnvoll erscheint, sollten mehr Gruppentherapien angeboten werden“, sagt Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER in Thüringen. Den Ergebnissen des Arztreports zufolge bekommen rund 94,4 Prozent der Patienten Einzeltherapien.

Gute Noten für die Psychotherapeutische Sprechstunde

Seit der Reform der Psychotherapie-Richtlinie müssen die Praxen eine Psychotherapeutische Sprechstunde anbieten. Patienten bekommen beispielsweise über die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen Termine vermittelt. In der Sprechstunde entscheidet die Therapeutin oder der Therapeut, ob eine Therapie notwendig und wenn ja, wie dringend sie ist. „Die psychotherapeutische Sprechstunde wird gut angenommen. Gut 90 Prozent der Patientinnen und Patienten bewerten die Sprechstunde positiv“, so Birgit Dziuk. Dies zeigten die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage im Zuge des Arztreports unter Psychotherapie-Patienten.

Dipl.-Psych. Dagmar Petereit, Vorsitzende der Landesgruppe Thüringen der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, resümiert, dass sich die Psychotherapeutische Sprechstunde seit ihrer Einführung durchaus bewährt habe. „Die Menschen finden dadurch wesentlich schneller Zugang in die psychotherapeutische Versorgung“, so Dagmar Petereit.

Zu einigen Veränderungen hat auch die Corona-Pandemie in den vergangenen Monaten geführt. Zum Kontakterhalt mit Patienten und unter Quarantäne stehenden Menschen haben viele Psychotherapeuten ihre Arbeitsweise auch auf Videobehandlungen umgestellt. „Die psychotherapeutische Fernbehandlungen ist seit einem halben Jahr als Kassenleistung zugelassen. Viele Therapeuten wollen sie auch weiterhin als ergänzende Behandlungsform anbieten. Die Behandlung im persönlichen Kontakt wird dennoch die erste Wahl bleiben“, sagt Dagmar Petereit.

Mehr Therapeuten aber nicht zwingend mehr Therapie

Dem BARMER-Arztreport zufolge kümmerten sich im Jahr 2018 etwa 520 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten um die Versorgung Betroffener in Thüringen. Somit kommen auf 100.000 Einwohner Thüringens im Schnitt 24,6 Psychotherapeuten. Seit 2013 ist diese Zahl um knapp 43 Prozent angewachsen, während die Steigerungsrate bundesweit bei lediglich rund 26 Prozent liegt. Dennoch ist die Psychotherapeutendichte je 100.000 Einwohner nur in Brandenburg (24,4) und Sachsen-Anhalt (22,2) noch niedriger als in Thüringen. Der bundesweite Schnitt liegt bei 38,5.

„Die steigende Anzahl der Therapeuten ist erfreulich. Erst seit kurzem gibt es in Thüringen einen neuen Bedarfsplan und somit nun 17,5 zusätzliche Sitze für Psychotherapeuten“, sagt BARMER-Landeschefin Birgit Dziuk. Angesichts der steigenden Nachfrage sei dies ein richtiger und notwendiger Schritt. Als Herausforderung sieht sie den Aspekt, dass vor allem im ländlichen Raum Psychotherapeuten benötigt werden. „Die Frage ist: Wie bekommen wir die Therapeuten dorthin, wo wir sie am meisten brauchen? Hier ist auch über den Ausbau von Videosprechstunden, Anreizsysteme während der Weiterbildung nach dem Studium und finanzielle Förderungen auf Landkreisebene nachzudenken“, so die BARMER-Landeschefin.

Dass im Jahr 2018 nur rund drei Viertel aller Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Vollzeit gearbeitet haben, während es fünf Jahre zuvor noch rund 90 Prozent waren, ist ein weiterer Trend, den der BARMER Arztreport offenbart. Das bedeutet jedoch keineswegs ein Minderangebot oder einen Verlust von Behandlungskapazitäten. Dagmar Petereit: „Durch das Aufsplitten eines vollen Psychotherapeuten-Sitzes in beispielsweise zwei halbe, ergeben sich sogar erweiterte Behandlungskapazitäten.“

Gesundheitskompetenz und digitale Hilfe zur Selbsthilfe

„Früh erkennen, früh behandeln“, lautet die Devise bei psychischen Problemen. Alle häufigen und zur Chronifizierung neigenden psychischen Störungen haben einen langjährigen Vorlauf. „Es ist wichtig, auf die Signale des eigenen Körpers zu achten und früh selbst nach Möglichkeiten zur Besserung zu suchen“, sind sich Birgit Dziuk und Dagmar Petereit einig. Der Gang zum Hausarzt sei auch bei psychischen Problemen eine richtige Entscheidung, um schnell professionelle Hilfe zu bekommen. Auch digitale Helfer wie Apps und Online-Kurse seien mittlerweile sehr effektive Helfer; nicht zuletzt, um gegebenenfalls die Zeit bis zum Beginn einer Psychotherapie zu überbrücken. Denn lange Wartezeiten sind kein Phänomen, dass es nur in der Psychotherapie gibt.

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