»Tosca« – Im Gespräch mit Anette Leistenschneider

0

Giacomo Puccinis Opern mit ihren atemberaubenden Melodien legen intensive menschliche Gefühle frei, das ist es wohl, was sie zusammen mit ihrer grandiosen Orchestrierung unsterblich macht. In seiner Oper »Tosca« zeigt Puccini einmal mehr sein sicheres Gespür für Dramatik. Man spürt die ständige Gefährdung der Situation und das Gefühl des sich langsam heranschleichenden Unheils.

Politik und Liebe sind die vorrangigen Themen, die harte szenische Kontraste in dieser Oper
vorgeben. Worauf liegt bei dir der Fokus?

Für mich liegt der Fokus auf der Verbindung zwischen Politik und Liebe; diese fatale Kombination nutzt der skrupellose und machtgierige Polizeichef Scarpia, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Die großen politischen Ereignisse werden in der Oper Tosca durch zwei »Botenauftritte« verkündet: erst die scheinbare Niederlage Napoleons in der Schlacht bei Marengo, die dann aber im 2. Akt widerrufen wird. Napoleon hat doch gesiegt. Im Geflecht von Macht, Machtmissbrauch und Willkürherrschaft gepaart mit Brutalität sterben letzten Endes drei Menschen.

Scarpia ist ein Mann der Macht und die Inkarnation des Machtmissbrauchs. Und er ist sich der Unterstützung durch den römischen Klerus bewusst. Ihr lasst diese Sicht auch in eure in Bezug auf Bühne und Kostüme einfließen.

Bei der Entwicklung meiner Lesart der Oper war es mir wichtig, aufzuzeigen, wie zeitlos das politische Thema Machtmissbrauch durch rigorose Alleinherrscher ist, die einzig auf ihren Vorteil bedacht sind. Um ihre Macht zu vergrößern haben sich solche Regenten oft mit dem Klerus verbündet, um so ihre Macht zu stärken. Die Anhänger Scarpias lauern überall, auch verkleidet, und unterwandern die Gesellschaft. Niemand kann sich in einem solchen System sicher fühlen, niemand kann ungestraft eine andere (politische) Meinung vertreten – und genau das möchte Scarpia erreichen. Eine verängstigte Bevölkerung ist leicht von ihm so zu manipulieren, dass sie seinen egoistischen Zwecken taugt.

Was macht die Faszination der Frau Tosca aus? Wie würdest du sie beschreiben?

In »Tosca divina« – der göttlichen Tosca – lernen wir eine Operndiva kennen. Gleich mit
ihrem ersten Auftritt, als sie Cavaradossi in der Kirche aufsucht, macht sie deutlich, dass sie
die Führung in der Beziehung mit dem Maler einnimmt. Sie braucht die Aufmerksamkeit,
die sie als Künstlerin auf der Bühne erhält, genauso im Privatleben.
Im Verlauf der Oper erfahren wir, wie tief und aufrichtig ihre Liebe zu Cavaradossi ist.
Wir erleben Tosca weich, unsicher und verletzlich und trotz aller Drohungen Scarpias so
lange stark und unbeugsam, bis es um das Leben Cavaradossis geht. Erst als Scarpia sie durch
die Androhung von Cavaradossis Hinrichtung für eine kurze Zeit brechen kann, ist sie für
einige Momente kraftlos und matt. Doch ihre Liebe zu Cavaradossi gibt ihr eine enorme,
nun zerstörerische Energie zurück, die sie zu einer ungeheuren Tat befähigt.

Das ist auch eine großartige Aufgabe für eine Sängerdarstellerin…

Wir sind sehr glücklich, in Hye Won Nam, die bereits als Butterfly im Theater Nordhausen
große Erfolge feierte, eine herausragende Sängerin zu haben, die die enormen
Ansprüchen dieser Partie in stimmlicher, in darstellerischer und emotionaler Hinsicht
über die Maßen erfüllt. Mit ihr und Kyounghan Seo als Cavaradossi bringen wir unser
»Butterfly – Dreamteam« wieder gemeinsam auf die Bühne.

»Tosca« ist eine Oper mit einer großen Aufführungsgeschichte. Was erzählst du neu?

Für meine »Tosca« habe ich ein anderes als das klassische Ende entwickelt.
Die Tatsache, Tosca Scarpia getötet hat, kann sie nicht verkraften. Sie,
die in ihrer berühmten Arie »Vissi d´arte« besingt, dass sie nur für die Kunst, die Liebe und
für ihren aufrichtigen Glauben gelebt hat, hat einen Menschen getötet. So ist für sie in
meiner Lesart nur eine Art der Katharsis möglich – das Feuer.

Um noch einmal auf dein Hauptthema, die Liebe, zurück zu kommen. Tosca und Cavaradossi
haben nicht eine einzige ungestörte Liebesszene.

Als Tosca zu Cavaradossi in die Kirche eilt um sich für den Abend mit ihm zu verabreden,
drängt Cavaradossi sie charmant dazu, die Kirche schnell wieder zu verlassen. Grund dafür ist
der politische Gefangene Angelotti, der sich in der Kirche versteckt hält – Cavaradossi ist in
Sorge, dass Tosca Angelotti finden und darüber Beichte ablegen könnte. Das zweite
Aufeinandertreffen des Liebespaares findet im Speisesaal des Polizeichefs Scarpia statt – ein
denkbar ungünstiger Ort. Scarpia lässt Cavaradossi in die Folterkammer abführen, um Tosca
gefügig zu machen und das Versteck Angelottis von Tosca zu erpressen. Das dritte
Zusammentreffen der Beiden findet auf dem Hinrichtungsplatz für politische Gefangene
statt. Cavaradossi wartet auf die Exekution. Die Hinrichtung ist auf vier Uhr morgens
festgelegt.
In das Liebesduett der beiden hinein schlägt die Kirchenuhr vier Mal …

Du entnimmst diese große Liebe hauptsächlich der Musik?
Puccini beschreibt in seiner Musik die großen Emotionen, die die beiden Künstler Floria
Tosca und Mario Cavaradossi verbinden. Puccinis Musik berührt die Seele. Aber auch in den
Verhaltensweisen und Handlungen Toscas zeigt sich ihre große Liebe zu Cavaradossi – sie
tötet sogar einen Menschen, um mit Cavaradossi wieder vereint zu sein. Aber schließlich eint
sie nur der Tod.

Das Gespräch mit A.LEistenschneider führte R.Liedtke

Share.

Leave A Reply

*