Musicalgala statt D‘Artagnan

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Tobias Bieri singt in der Musicalgala „Broadway Forever“ im Heringer Schloss Titel aus „Jesus Christ Superstar“, „West Side Story“ und „3 Musketiere“

Das Interview führte Birgit Susemihl.

Tobias Bieri, Musicaldarsteller aus der Schweiz, begeisterte im vergangenen Jahr das Publikum der Thüringer Schlossfestspiele Sondershausen als Jesus in „Jesus Christ Superstar“. In diesem Sommer war er als D’Artagnan in „3 Musketiere“ vorgesehen, das aufgrund der Coronakrise nicht stattfinden kann. In der Musicalgala „Broadway Forever“, die im Rahmen der „TN LOS! Sommernächte 2020“ am 26. Juni um 19.30 Uhr Premiere im Heringer Schlosshof hat, tritt er unter anderem mit „Gethsemane“ aus „Jesus Christ Superstar“, „Bring Him Home“ aus „Les Misérables“ und „Maria“ aus „West Side Story“ auf.

Das Publikum in der Region hat Sie als Jesus in „Jesus Christ Superstar“ bei den Thüringer Schlossfestspielen Sondershausen 2019 in bester Erinnerung. Wie war diese Arbeit für Sie?
Ich fand es sehr angenehm, auf dem Schlossgelände zu spielen, weil die Bühne wunderschön lag. Und das Theater Nordhausen ist sehr herzlich. Ich bin ja als Darsteller viel unterwegs an verschiedenen Theatern und ich lerne das immer mehr zu schätzen, wenn die Zusammenarbeit so angenehm ist. In „3 Musketiere“ hätte ich den D’Artagnan gespielt und hatte mich sehr gefreut, wieder nach Sondershausen zu kommen. Nun bin ich sehr froh, dass trotzdem etwas stattfindet.

Seit wann wissen Sie, dass das Musical nicht stattfinden kann?

Die Theater haben im März innerhalb einer Woche alles abgesagt. Zuerst kamen die Absagen häppchenweise für ein paar Wochen. Die Theater haben noch versucht, alles möglich zu machen, aber bald war klar, dass keine Vorstellungen möglich sein würden. Ich muss ein Riesenlob ans Theater Nordhausen aussprechen für seine Kommunikation, die sehr schnell war. Das ist einfach vorbildlich.

Wurden für Sie noch weitere Produktionen abgesagt?

Ich hatte die Rolle des Jamie in „Die letzten fünf Jahre“ in Plauen/Zwickau übernommen, dafür hatten wir geprobt und eine Vorstellung gespielt. Eine weitere Produktion war „Sunday in the Park with George“ von Stephen Sondheim bei den Landesbühnen Sachsen. Dort hatten wir schon mehrere Vorstellungen gespielt und mussten nur die letzte absagen.

Wo haben Sie die Zeit der Coronakrise verbracht?

Ich lebe in Berlin, war aber gerade bei meiner Partnerin in Gelsenkirchen und bin dort geblieben. Zu zweit ist es immer schöner, solche Zeiten durchzustehen. Ich habe das Glück, dass ich nebenbei online in der QA-Abteilung einer großen Schweizer Firma arbeite. Diese Stelle konnte ich kurzfristig von 10–20 % auf 100 % hochfahren. Das war natürlich für mich die Rettung, einerseits finanziell, aber es hat mir auch psychisch sehr geholfen. Plötzlich fiel die komplette Struktur weg, die man sonst durch Proben und Vorstellungen hat, und ich musste mir selber eine Struktur bauen, um nicht in Löcher zu fallen.

Mein einziger Auftritt in der Zeit war eine Live-Radiogala in der Oper Chemnitz mit Beiträgen von ungefähr 20 mitteldeutschen Musiktheatern. Da waren wir eingeladen mit einem Duett aus „Sunday in the Park with George“.

Muss man als Sänger in so einer Situation die Stimme in irgendeiner Form fit halten?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe die Zeit sehr intensiv genutzt und bei meinem Gesangslehrer Theo Rüster, bei dem ich seit zwei Jahren bin, über Skype Stunden genommen. Dadurch konnte ich trotzdem Fortschritte machen.

Haben Sie Zeit gehabt für andere Dinge, neue Hobbies, neue Entdeckungen?

Ich habe ja meinen anderen Job auf 100 % aufgestockt und dann noch geübt, da bleibt nicht viel Zeit übrig. Was Hobbies angeht: Ich habe einen kleinen Hund. Oft sind ja kleine Hunde nicht so gut erzogen, ich habe mir in den Kopf gesetzt, das besser zu machen. Jetzt hatte ich Zeit, täglich mit ihm zu üben. Was für mich schön war, war, drei Monate am selben Ort zu sein und dass jeder Tag ähnlich ablief. Ich dachte immer, es wird mir dann langweilig oder es engt mich ein, aber ich fand es sehr angenehm.

Was hat Ihnen am meisten gefehlt in der Zeit?

Was ich am schwierigsten fand, war das „Eingesperrtsein“, auch wenn wir nicht wirklich eingesperrt waren. Und was ich gemerkt habe, vor allem am Anfang, war eine generelle Angespanntheit der Menschen. Ich merkte, wie die Nerven blank lagen. Dabei geht es uns doch in Deutschland vergleichsweise wirklich gut. Aber diese Unsicherheit war doch sehr spürbar. Und – ich komme ja aus der Schweiz – es wäre schon sehr schön, meine Familie endlich wieder zu besuchen.

Was haben Sie als erstes gemacht, als die Lockerungen kamen?

Wir haben uns draußen in ein Café gesetzt und Eiskaffee getrunken. Es war mir gar nicht so bewusst gewesen, wie mir das gefehlt hatte.

Sie arbeiten auch fürs Fernsehen. Was ist Ihnen näher, Bühne oder Film? Ist das ein großer Unterschied?

Ich finde ja. Bei Dreharbeiten sitzt du lange im Trailer und wartest auf deine Szene. Die wird dann mit verschiedenen Kameraeinstellungen mehrmals gedreht und dann zusammengestückelt. Was für mich gute Schauspieler ausmacht, ist die Fähigkeit, den emotionalen Zustand immer wieder abzurufen und voll einzusteigen. Das finde ich sehr bewundernswert. Am Theater probst du sechs Wochen, dann machst du die Reise, die du zusammen mit dem Regisseur entwickelt hast, an einem Abend durch, zusammen mit dem Publikum. Ich sehe sehr gerne Filme, aber ich finde es ein Riesenerlebnis, live zu spielen. Das liegt mir fast mehr am Herzen.

Ist man nach so einer Zwangspause aufgeregter als sonst vor einem Konzert?

Das kann ich noch überhaupt nicht sagen, das kam ja alles so plötzlich. Ich bin im Moment noch nicht aufgeregt, aber wahrscheinlich kommt das noch. Das ist schon sehr speziell. Ich singe fast nur Stücke, die ich schon gesungen habe, denn es mussten sehr schnell die Rechte und die Noten besorgt werden. Jetzt haben wir noch knapp zwei Wochen bis zur Premiere. Ich freue mich sehr.

Jesus haben Sie nicht nur in Sondershausen, sondern auch in Magdeburg gespielt.

Genau, ich habe ihn in Magdeburg unter freiem Himmel gespielt, in Sondershausen, und ich werde ihn voraussichtlich wieder spielen im nächsten Februar/März. Ich kann aber noch nicht genau sagen wo, weil noch nicht alles unter Dach und Fach ist.

Verändert sich die Sichtweise auf so eine Rolle, wenn man sie mehrmals spielt?

Ja, natürlich, es wird ja auch in den verschiedenen Produktionen unterschiedlich umgesetzt. Wie Ivan Alboresi in Sondershausen und Sebastian Ritschel in Magdeburg das gemacht haben, war sehr liebevoll, ich mochte beide Inszenierungen sehr. Natürlich ist es immer etwas anders, was man in die Figur reinlegt, es hängt auch viel vom Regisseur ab, das ist jedes Mal neu. Es muss auch neu sein, sonst spiele ich ja nur irgendwas ab, was womöglich gar nicht zu der Inszenierung passt.

Sie haben in Berlin studiert und in Kopenhagen eine Weiterbildung gemacht. Wie ist es dann, in kleineren Orten in der Provinz aufzutreten?

Wichtiger als die Größe ist die Stimmung am Haus und mit wem ich zusammenarbeite. In Nordhausen habe ich alle als sehr herzlich empfunden. Für mich ist das fast das Wichtigste, eine gute Atmosphäre zu haben. Natürlich haben große Theater oft ein größeres Budget und mehr Möglichkeiten, aber es kann auch mehr Stress und höheren Druck bedeuten. Es ist schön, an großen Häusern zu spielen, aber es ist nicht weniger schön, an einem kleinen Haus zu spielen, wenn das Produkt gut ist und die Leute toll sind.

Haben Sie ein Lieblingsmusical oder eine Traumrolle?

Meine Lieblingsmusicals sind „Hamilton“ und „In the Heights“ von Lin-Manuel Miranda, aber in beide Musicals passe ich nicht wirklich rein. Ich würde sehr gerne „West Side Story“ machen, daraus werde ich in Heringen auch zwei Songs singen, und auch „Les Misérables“. Aber mein absolutes Lieblingsmusical war immer „Jesus Christ Superstar“. Dadurch bin ich zum Musical gekommen. Als ich noch nicht zur Schule ging, habe ich schon die Originalplatten rauf und runter gehört. Den Film habe ich sicher zehnmal gesehen. Nach dem Abitur wollte ich zuerst Naturwissenschaften studieren und habe mich dann erst kurz vor Schluss entschieden: Ich will Musical spielen. Ich habe großes Glück gehabt, dass ich „Jesus Christ Superstar“ schon zweimal spielen durfte.

Was sind Ihre Pläne nach den Konzerten in Heringen?

Ich weiß nicht, ob die Theater im Herbst wieder voll anfangen können. Das weiß niemand, deswegen gibt es nur wenige Auditions. Im nächsten Januar ist die nächste Produktion fest geplant. Nach den Konzerten in Heringen kann ich in meinem anderen Job weiterarbeiten, daher ist es für mich nicht so stressig, aber es wäre schön, wenn es wieder normaler würde.

Karten für die Vorstellungen der Musicalgala „Broadway Forever“ am 26. und 28. Juni sowie am 3., 5., 11., 18., 24. und 25. Juli jeweils um 19.30 Uhr sowie für die weiteren Konzerte der „TN LOS! Sommernächte 2020“ gibt es im Internet unter www.theater-nordhausen.de sowie an der Theaterkasse (Tel. 0 36 31/98 34 52) und an den meisten, wieder geöffneten, Vorverkaufsstellen der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH.

Foto: Tobias Bieri (Fotografin: Shirin Tinati)

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