Gesichter der Stadt (42)

0

Manfred Neuber – Journalist, aus Nordhausen in die Welt

Kürzlich durften wir einen Nordhäuser, Journalisten und Weltenbummler kennenlernen…

Redaktion: Herr Neuber, Sie sind als Journalist viel in der Welt herumgekommen. Was verbindet Sie noch mit Nordhausen?

Die Verbundenheit mit meiner Heimatstadt ist nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Eintritt ins Rentenalter gewachsen. Erinnerungen an die Kindheit in Nordhausen wurden wieder wach. Und die Sorge um populistische Auswüchse von Fremdenhass und Hetze gegen die „Lügenpresse“.

Bei Reisen als Journalist und privaten Erkundungen habe ich 69 Länder/Staaten und vier Territorien (Baphutestan, Hongkong, Macao und Gaza- Streifen) besucht. Ich nahm an Staatsbesuchen von drei Bundespräsidenten in Lateinamerika teil und begleitete den Bundeskanzler, den Außenminister und andere Regierungsmitglieder auf Auslandsreisen.

Redaktion: Verliefen diese Reisen immer reibungslos, oder gab es auch
unverhoffte Zwischenfälle?

Die Flugbereitschaft der Bundeswehr erwies sich als störanfällig. Auf einem Flug nach Zimbabwe mit Rita Süßmuth musste die Maschine über den Alpen umkehren und Treibstoff vor der Landung in Köln/Bonn versprühen. Auf dem Rückflug von Indien mit Johnny Klein wurde wegen eines Defektes der Besuchsstopp in Damaskus gestrichen. Ein Flug mit Horst Waffenschmidt an Bord einer Iljuschin-154 aus alten DDR-Beständen führte nach Omsk in Sibirien. Heimwärts sollte bei einer Zwischenlandung in Saratow an der Wolga aufgetankt werden. Der Flughafen-Kommandant bestand auf Barzahlung in Dollar. So musste die deutsche Botschaft in Moskau und das russische Außenministerium eingeschaltet werden, bevor wir wieder abheben konnten.
Ängstliche Minuten erlebte ich auf einem Flug mit einem Kleinflugzeug zu einer Bananen-Plantage in Costa Rica. Nach dem Start von San José musste die Cessna oder Piper einen hohen Gebirgskamm mit starker Gegenströmung vom Pazifik überwinden. Erst schraubte sie sich höher, dann kam sie im Sturzflug darüber hinweg. Wenig Vertrauen erweckend waren auch ausgefranste Bugreifen bei Regionallinien in Brasilien.

Redaktion: Schildern Sie bitte einige ihrer schönsten Erlebnisse in 80 Jahren.

An erster Stelle steht das Ballett „Schwanensee“ zur Musik Tschaikowskijs. Erstmals sah ich es 1959 in der Staatsoper Unter den Linden in Ost-Berlin, dann 1960 in Covent Garden in London und 1962 an der Met in New York City. Als erste Touristen aus der Bundesrepublik in Moskau wurde es uns 1964 im Bolschoi geboten. Schließlich bei einer Ostsee-Kreuzfahrt in späteren Jahren in St. Petersburg.

Redaktion: Was waren besondere Begegnungen in Ihrem beruflichen Leben?

Die meisten davon in Lateinamerika bei Interviews mit Präsidenten wie Jorge Videla (Argentinien), Augusto Pinochet (Chile), Luis Echeveria (Mexiko) und anderen. In Manila auf den Philippinen begrüßte mich Jaime Kardinal Sin verschmitzt: „Welcome to the House of Sin.“ (Sin im Englischen Sünde) zu einem Frühstück mit Reis und Fisch.

Kaum war ich für zwei Jahre in London, da wurde ich zum Europapokal-Finale Real Madrid gegen Eintracht Frankfurt am 18. Mai 1960 vor 138 000 Zuschau-ern im Hampden Park nach Glasgow geschickt. Nach dem 7:3 für die Spanier interviewte ich Ferenc Puskas, als er aus der Dusche kam.

Redaktion: Haben Sie noch unerfüllte Träume, und was enttäuschte Sie?

Auf Spitzbergen und am Polarkreis war ich, aber nicht in der Antarktis. In Punta Arenas in Südchile hörte ich zwar den Aufruf zu einem Linienflug zu den Pinguinen. Sonst stehen noch Kuba und Sri Lanka auf der Wunschliste, was jedoch durch Corona bisher vereitelt wurde.

Von der WELT-Redaktion war ich für ein Sommer-Seminar an der Harvard University vorgeschlagen worden. Dessen Leiter Henry Kissinger schickte mir eine ermutigende Absage und gab Theo Sommer (Chefredakteur der ZEIT) berechtigterweise den Zuschlag.

Share.

Leave A Reply

*