Kanarienvögel und Käse „ausgeflogen“

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Harzer Roller singt und stinkt nicht mehr

So wie heute kein Harz-Käse mehr aus dem Harz kommt, so wird auch das alkoholfreie Clausthaler woanders abgefüllt. Traditionsreiche Namen sind nur noch Schall und Rauch im harten Wettbewerb der Wirtschaft. Oder muss man von Mogelpackungen sprechen?

Der „Harzer Roller“ verschwand in doppelter Hinsicht – als Käse aus Magerquark und als Kanarienvogel aus Bergwerken. Oberharzer Kumpel vertrauten früher auf ihr „Frühwarnsystem“: Hörte der Vogel unter Tage auf zu singen, wurde es stickig, drohte Gasaustritt oder Luftmangel. Der mit Kümmel gewürzte Käse kommt nun aus Sachsen, aus Leppersdorf bei Dresden. Wenn der Wanderer früher durch Harzer Ortschaften wie Lonau und Sieber oder Hohegeiß und Wieda kam, konnte er auf dem Fensterbrett innen vieler Fachwerk-Häuschen den Handkäse reifen sehen. Aber auch in den Bergstädten des Oberharzes hielten Bergleute und Waldarbeiter eine Kuh oder einige Ziegen. In Bad Lauterberg kamen die Rotbunten durch den Hausflur, stiegen Stufen hinab und wurden vom Kuhhirten auf die Sommerweide getrieben. Der hand-große Käse aus häuslicher Herstellung war noch für den Eigenverzehr bestimmt. Seinen Namen „Harzer Roller“ bekam er wegen der rollenförmigen Verpackung aus den gewerbsmäßigen Käsereien. Schon seit dem 18. Jahrhundert wurde der Sauermilch-Käse am Nordrand des Harzes, vornehmlich in Bad Harzburg, Immenrode und Vienenburg, erzeugt. Übrig geblieben sind nur kleine Betriebe, die auf regionalen Märkten verkaufen. Zwar sind die Eigenschaften des Harzer Käses in Abgrenzung z. B. zum Mainzer Handkäs’ und den Olmützer Quargeln festgelegt, aber sein Name ist nicht durch eine Herkunftsbezeichnung geschützt. Nach der deutschen Käseverordung muss er eine glatte Oberfläche mit goldgelber Schmiere sowie einen weißlichen Kern aufweisen. Je nach Reifegrad schmeckt er mild bis pikant. Er ist fettarm und reift innerhalb von zwei bis vier Wochen, bis er stinkt.
Was heute in Supermärkten als Harzer Käse ausliegt, kommt zu mehr als 75 Prozent aus Sachsen. Erst wurde 1998 die Käserei August Loose in Vienenburg (Kreis Goslar) geschluckt, dann folgte die Marke Rehkopf aus Lamspringe, schließlich verschwand der „Breitunger“ in der Poelmeyer-Gruppe in Wolmirsleben, die noch eine zeitlang einen „Harzinger“ herausbrachte. Alles Käse –oder was?

Thomas Lange, damals Geschäftsführer der Agrarmarketing-Gesellschaft Sachsen-Anhalt, bedauerte: „Hätten wir geahnt, daß Müller seine Stellung erbarmungslos ausnutzt, hätten wir den Namen ‚Harzer Käse’ schützen lassen. Hätte der Harzer unter dem Schutz der EU gestanden wie auch 700 andere regionale Spezialitäten in Europa, dürfte kein Harzer in Sachsen produziert
werden.“ Müller ist der Milch- und Molkerei-Multi aus dem Allgäu.

Der letzte große Hersteller von Harz-Käse war die Firma Otto Rusack in Harsleben bei Halberstadt. Dort wurden danach – 350 km vom Meer entfernt – Kaviar-Creme und Sardellen-Röllchen verpackt. Inzwischen gibt es auch „Harzer Röllchen“. „Standfester“ erwiesen sich die verschiedenen Kräuterliköre aus dem Harz,
deren Hersteller nach der Teilung Deutschlands in den Westteil übersiedelten, aber nach der Wiedervereinigung an ihren Ursprungsort zurückkehrten. So das „Harzer Grubenlicht“ der Firma Manfred Picht, viele Jahre in Bad Lauterberg und nun auch wieder in Nordhausen. Oder der „Schierker Feuerstein“, einst in einer Apotheke in Schierke gemixt, dann in Bad Lauterberg und Bartolfelde nach geheimer Rezeptur abgefüllt.

Wussten Sie, dass ein Gedenkstein an der alten Poststraße zwischen Braunlage und Tanne an den Oberjägermeister Georg von Langen erinnert, das 1748 die Kartoffel im Harz einführte? Dazu Rehrücken, Hirschbraten oder Wildschwein? Oder Harzer Bachforelle, Schlachteplatte oder das Arme-Leute-Essen
an Feiertagen, nämlich Klöße, Birnen, gebratene Speckstreifen und Apfel-oder Zwiebelringe. Halberstädter Würstchen gibt’s heute noch. Im nördlichen Harz-Vorland, bei Quedlinburg kann man im nördlichsten Wein-
gut Deutschlands auf eine jährliche Ernte von 20 000 Flaschen anstoßen. Über zwei Mio. Hektoliter Bier stößt die Hasseröder Brauerei in Wernigerode jedes Jahr aus; von den kleinen Brauereien im Harz sind nur wenige übrig geblieben. Sie hatten das Angebot mit Brohan, Gose und naturtrübem Bockbier bereichert. Immerhin gibt es eine Museumsbrauerei in Wippra.

Manfred Neuber

 

 

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