Imaginäres Interview mit Rudolf Hagelstange

0

Nordhausen erinnerte am 12. Februar 2022, dem 100. Geburtstag, an Rudolf Hagelstange. Der Schriftsteller, Lyriker und Essayist schrieb
einen Roman in zwei Teilen über seine Vaterstadt („Das Haus oder Balzers Aufstieg“ und „Der Niedergang – Von Balzers Haus zum Käthe-Kollwitz-Heim“). Die Stadtbibliothek ist nach ihm benannt. In einem imaginären Interview gibt er uns posthum Antworten.

N: Das erste Drittel Ihres Lebens haben Sie in Nordhausen verbracht.
Woran erinnern Sie sich vor allem?
H: An mein Elternhaus in der Moltkestrasse 4. Der Garten grenzt an das
 Grundstück Reichsstrasse 26a, wo Ihre Eltern wohnten. Und an das Humanistische Gymnasium, wo ich mein Abitur ablegte.

N: Als junger Mann erwarben Sie einen Namen in der Leichtathletik. Was war Ihr größter Erfolg?
H: Im Jahre 1936 wurde ich mitteldeutscher Meister im Stabhochsprung.

N: Ihre berufliche Karriere begann bei der „Nordhäuser Zeitung“. In welchem Ressort waren Sie?
H: Nach dem zweijährigen Volontariat von 1936 bis 1938 war ich im Feuilleton tätig, bis ich 1939 an die Reichspresseschule wechselte.

N: Dann begann der Zweite Weltkrieg, und Sie wurden zum Militär ein-gezogen. Wie verlief der weitere Lebensweg?
H: Ich kam zur Nachrichtentruppe und wurde 1944 Kriegsberichterstatter in Frankreich und Italien. Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft kehrte ich nach Nordhausen zurück. Mein Vater war kurze Zeit im KZ
Buchenwald inhaftiert und wurde erster Vorsitzender der CDU.

N: Sie waren Mitgründer des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung in Nordhausen, aber Sie ließen sich nicht für politische Zwecke einspannen und gingen nach einem Jahr in den Westen.
H: Ja, zuerst nach Hemer im Sauerland, dann nach Unteruhldingen am Bodensee. Schließlich 1968 ins Elsass und 1971 nach Erbach im Odenwald. (wo er 1984 verstarb und beerdigt ist. Heinrich Böll hielt die Grabrede. D. Red.)

N: Literaturkritiker sprechen von Ihrer Glückssträhne im Krieg und danach. Was hat das auf sich?
H: Der deutsche Botschafter in Italien nahm mich „unter seine Fittiche“, als ich dort die Armeezeitung redigierte. Meine Gedichte hätten damals meinen Kopf gekostet. In US-Gefangenschaft legte ich sie
meinem Vernehmer vor, der sie ins Englische übersetzte und an den Alliierten Oberbefehlshaber, General Dwight D. Eisenhower, schickte. Fortan wurde ich bevorzugt behandelt.

N: Das bewirkte Ihr „Venezianisches Credo“, das mit anderen Gedichten 1981 bei dtv in München erschien. Wurde es schon vorher veröffentlicht?
H: Ja, in der Nachkriegszeit als Auftakt der Insel-Reihe, gelobt von Hans Mayer, Stephan Hermlin und Johannes R Becher.

N: Politisch engagiert haben Sie sich allerdings im Westen Deutschlands, als Vorzeigeautor des PEN-Clubs und der Darmstädter Akademie.
H: Ja, ich gründete den Bundesverband deutscher Autoren als Gegenge-wicht zu dem linkslastigen Verband der Schriftsteller.

N: Das Sonett „Venezianisches Credo“ ist als Abrechnung mit dem Hitler-Regime verstanden worden. Trifft das auch auf den Ukraine-Krieg zu?
H: Ich zitiere: „Denn was geschieht ist maßlos. Und Entsetzen wölkt die Gewitter über jedem Nacken. Es jagt der Tod mit flammenden Schabracken durch Tag und Nacht, und seine Hufe fetzen . . . Wer baut,
wenn bei letzten Brandes Scheine ein Gott dem Würger in die Zügel fällt, aus diesem Chaos eine neue Welt?“

 

Manfred Neuber

PS.
„Ich habe vermutlich die besten und reichsten und fruchtbarsten Jahre
meines Daseins am Bodensee gelebt. Meine ‚schwesterliche’ Heimat, den Harz, habe ich nie oder nur im Zusammenhang mit der Wahlheimat,
dem Bodensee, gerühmt.“

Rudolf Hagelstange

Share.

Leave A Reply

*