Gesichter der Stadt (41)

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„meae manus vident – Meine Hände Sehen“ – Silvio Krebs

Schon immer hat mich Medizin interessiert, ich möchte Menschen helfen. Ich bin blind und arbeite dennoch als Physiotherapeut in meiner eigenen Praxis.
1982 werde ich als kleiner Bruder von Timo Krebs in Nordhausen geboren. Als Kleinkind war ich nach schwerer Augenerkrankung zunächst sehbehindert und erblindete
dann völlig. Meine Eltern waren in dieser Zeit die größte Hilfe, weil sie mich nie als behindertes Kind in Watte gepackt haben und somit meine Eigenständigkeit
förderten.

In der Blindenschule in Chemnitz 1990 eingeschult, kam ich dann in die Blindenschule nach Weimar. Nach Abschluss der 10. Klasse begann die Suche nach einem
Ausbildungsplatz.

Ich hatte Glück und bekam an der Medizinischen Fachschule in Chemnitz, die seit 1948 blinde und sehbehinderte Masseure ausbildet und seit Mitte der 70er
Jahre auch Physiotherapeuten – einen Ausbildungsplatz als Physiotherapeut.

Für einen medizinischen Beruf müssen 60% der Praktika in Krankenhäusern absolviert werden – für Blinde nahezu unüberwindbare Irrgärten.
Die Medizinische Fachschule sowie die Krankenhäuser in Chemnitz haben eine lange Erfahrung in der Betreuung von Blinden Auszubildenden und so hatte man
für dieses Problem eine gute Lösung gefunden.

Ein Zivi holte mich von zu Hause ab und begleitete mich auch auf den Wegen im Krankenhaus. Ich schloß die dreijährige intensive Ausbildung 2003 erfolgreich
ab. Einen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden, schien nahezu aussichtslos. Deutschlandweit bewarb ich mich. Schließlich
fand ich eine Stelle in einer kleinen Physiotherapiepraxis in meiner Heimatstadt Nordhausen.

Nach einer Probezeit wurde ich dort angestellt. 2008 hörte mein Chef aus persönlichen Gründen auf. Ich stand vor der Entscheidung, entweder das Geschäft
zu übernehmen, mich woanders zu bewerben oder zu Hause zu sitzen. Ich entschied mich für die Praxisübernahme 2008.

Dieses Jahr war voller Höhen und Tiefen. Im Februar übernahm ich die Praxis, im März starb meine Mama sehr überraschend und im Oktober lernte ich den jetzt
wichtigsten Menschen in meinem Leben kennen, meine jetzige Frau.

Über viele Jahre war ich aktiv im Speerwerfen gewesen, bei den Jugendweltmeisterschaften in Brno 1998 bin ich in dieser Disziplin Jugendweltmeister geworden.
2007 im Kader für die Paralympiks vorgesehen, erkrankte ich – wieder einmal. Damit und der anstehenden Praxisübernahme war auch die sportliche Laufbahn
beendet.

Foto:Silvio Krebs

Ich hatte mich dann beruflich auf Manuelle Therapie und Osteopathie spezialisiert. Besonders wichtig ist mir Teamarbeit in meiner Praxis, die auf Vertrauen
und Zuverlässigkeit basiert.

2016 schrieb ich meinen ersten Ratgeber „Erste Hilfe durch die eigenen Hände“. Durch die große, positive Resonanz und die spannende Aufgabe, meine Erfahrung
als Physiotherapeut an Menschen weiterzugeben, schrieb ich 2021 meinen zweiten Ratgeber „0 Minuten Workout“.
Zur Entspannung lese ich gern Hörbücher oder spiele mit Freunden Dart.

Nicht nur als Physiotherapeut muss ich meinen Händen vertrauen, auch im Alltag sind meine Hände meine Augen.

Foto:Silvio Krebs

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