Gesichter der Stadt (38)

0

Architekt Lutz Engelhardt – Factus 2 Institut® und das Barrierefreie Bauen

Im Jahr 2001 legten Lutz Engelhardt – gemeinsam mit seiner Kollegin Nadine Metlitzky – mit der Gründung des Architekturbüros Factus 2® und vom Factus 2 Institut® ihren beruflichen Grundstein als Architekten. Von Anfang an war es das Ziel der beiden, sich sowohl praktisch, als auch wissenschaftlich mit der baulichen Barrierefreiheit auseinanderzusetzen. Aus dieser Zusammenarbeit entstanden bis heute fünf Fachbücher, unzählige Fachartikel und das Ordnerwerk „Atlas barrierefrei bauen“ – quasi das „Opus Magnum“ zum Barrierefreien Bauen in Deutschland.

Redaktion: Herr Engelhardt, welche persönliche Motivation treibt Sie an sich mit dem barrierefreien Bauen auseinanderzusetzen?
L. Engelhardt: Nach Abschluss meines Studiums im Jahr 2000 lernte ich Herrn Frank Witting, den späteren Beauftragten für Menschen mit Behinderungen des Landkreises Nordhausen, kennen. Dieser war und ist Rollstuhlfahrer. Er erzählte mir von den praktischen Schwierigkeiten seinen Alltag zu bewältigen. Beeindruckend fand ich, wie unpathetisch er dies tat.

Redaktion: Was meinen Sie damit?
L. Engelhardt: Ganz einfach. Ich meine, dass er zwar versuchte Verständnis zu vermitteln, jedoch kein Mitleid zu erregen. In unseren Gesprächen lernte ich, dass viele seiner Schwierigkeiten auf unzulängliche bauliche Gegebenheiten zurückzuführen sind. Entweder er kommt nicht zu den Gebäuden hin, oder nicht hinein oder steckt darin fest.

Redaktion: Wie kamen Sie dazu, sich beruflich damit auseinanderzusetzen?
L. Engelhardt: Ab Mitte der 1990er Jahre studierte ich Architektur in Erfurt. „Der Mensch als Maß aller Dinge“ wie es Leonardo da Vinci einmal feststellte, trat im Laufe des Studiums leider immer mehr in den Hintergrund. Unsere Vorbilder, die Stararchitekten der 90er Jahre, interessierten sich einfach nicht für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Durch einen glücklichen Zufall lernte ich in dieser Zeit meine spätere Geschäftspartnerin Nadine Metlitzky kennen. Schnell merkten wir, dass wir ähnlich tickten. Nach unserem Studium beschlossen wir unsere Ideen zum Barrierefreien Bauen selbst umzusetzen. Letztlich um eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen selbstständig und möglichst ohne fremde Hilfe ihren Alltag bewältigen können. Selbstverständlich schließt dies nicht nur mobilitätseingeschränkte Personen, sondern auch Menschen mit Seh- und Hörbehinderungen usw. mit ein. Solange sich Menschen selbstständig orientieren und fortbewegen können, ist die bauliche Barrierefreiheit der Schlüssel zur Selbständigkeit – zur persönlichen Freiheit.

Redaktion: Damit sind Sie beide unmittelbare Wegbegleiter und Vordenker beim Barrierefreien Bauens im 21. Jahrhundert. Wie haben Sie Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten erlebt?
L. Engelhardt: Die bauliche Barrierefreiheit umzusetzen ist nicht neu. Bereits in den 70er Jahren gab es die ersten baulichen Normen. Entsprechende landesbaurechtliche Vorgaben sorgten dafür, dass diese auch praktisch umgesetzt worden sind. Aber gerade letztere ließen zu wünschen übrig. Erst mit der Einführung des Bundesgleichstellungsgesetzes bzw. der Gleichstellungsgesetze der Bundesländer, in den 2000er Jahren war es möglich, die Anforderungen der Menschen mit Behinderungen noch besser in das Baurecht zu überführen. Voraussetzung hierfür war die Novellierung der Normierung zum Barrierefreien Bauen im Hochbau in den Jahren 2010/11. Da das Baurecht hoheitlich Landerecht ist, dauerte es bis zum 01. Januar 2019, bis auch die letzte Landesbauordnungen novelliert worden war.

Redaktion: Menschen mit Behinderungen gab es doch schon immer. Haben wir nicht schon lange barrierefrei gebaut?
L. Engelhardt: Prinzipiell richtig. Die Frage ist nur, wie wurde das damals im Vergleich zu heute gemacht? Vereinfacht gesagt, der Planer hat sich lange Zeit nur darum kümmern müssen, wie Menschen mit Behinderungen in die Gebäude hineinkamen. Heute müssen wir Planer uns auch darum kümmern, wie diese die Gebäude nutzen können. Meine Kollegin hat einmal salopp gesagt: „Auch Menschen mit Behinderungen müssen inkl. ihrem Hilfsmittel allein hinkommen, reinkommen und zurechtkommen!“ Bemerkenswert ist, dass wir uns nach wie vor in einer rechtlichen Grauzone befinden, wie wir Menschen mit Behinderungen, beispielweise im Evakuierungsfall, aus den Gebäuden wieder hinaus bekommen. Hier wartet noch viel Arbeit auf uns.

Redaktion: Gemeinsam mit Frau Metlitzky sind Sie die Herausgeber des „Atlas barrierefrei bauen“. Die etwa 5 kg-Papier haben in zwei Ordnern einen Umfang von mehr als 1.800 Seiten. Wie viele Seiten kommen noch hinzu, bis alle Aspekte des Barrierefreien Bauens „erforscht“ sind?
L. Engelhardt (lacht): Das ist natürlich nicht an einer Seitenanzahl festzumachen. Die Geschichte hat gezeigt, die Entwicklung im Bauen wird nie enden. Politische Rahmenbedingungen ändern sich, neue Materialien und Hilfsmittel entstehen, ergonomische Erkenntnisse entwickeln sich weiter. Somit sind auch wir nur „Kinder unserer Zeit“. Für uns ist es spannend, dass wir gemeinsam mit unserem Verlag, dem Rudolf-Müller-Verlag in Köln, und unseren fast 30 Mitautoren diese Entwicklung begleiten dürfen. Als Ordnerwerk wächst die Wissenssammlung stetig. Beispielweise wird mit nächsten Ergänzungslieferung ein zweiter Ordner entstehen. Keiner braucht aber Angst vor so viel Papier zu haben, denn den „Atlas“ gibt es auch digital – per App. Das Beste daran, diese Version hat eine „Suchfunktion“.

Redaktion: Wirken sich die vielen Publikationen und ihre Herausgebertätigkeit auf ihre Tätigkeit aus?
L. Engelhardt: In der Praxis begleitet uns die Arbeit am „Atlas“ fortwährend. Daraus entstand noch ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit. Wir werden oft gebeten, Seminare und Fachvorträge zum Thema Barrierefreies Bauen zu halten. Zudem erreichen uns wöchentlich Anfragen zu Barrierefrei-Konzeptionen aus der gesamten Bundesrepublik. Interessante und spannende Aufgabenfelder entstehen daraus. Dabei konnten wir zwei deutsche Airports und verschiedene öffentliche Institutionen als Auftraggeber gewinnen. Hinzu kommen gerichtliche und außergerichtliche Sachverständigenaufträge.

Redaktion: Um welche Art von Sachverständigenaufträgen handelt es sich?
L. Engelhardt: Diese betreffen sowohl das Barrierefreie Bauen, als auch die Immobilienbewertung – ein weiteres Standbein unseres Unternehmens. Mit diesem sind wir aber vorrangig regional tätig. Im Rahmen diese Tätigkeit erarbeite ich gemeinsam mit Kollegen den ersten Mietpreisspiegel für den Landkreis Nordhausen und den Kyffhäuserkreis. Eine hervorragende Orientierungshilfe für Mieter auf Wohnungssuche und passende Datengrundlage für Sachverständige bei der Immobilienbewertung. Gern können wir uns ein weiteres Mal dazu austauschen.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg auf Ihrem weiteren Berufsweg.

Teilen

Hinterlassen Sie einen Kommentar

* Bitte lesen Sie die Datenschutzbestimmungen und stimmen diesen zu

*