Gesichter der Stadt (21)

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Reiner Beer – Lehrer aus Leidenschaft

Privatarchiv Reiner Beer

Privatarchiv Reiner Beer

Unser heutiges „Gesicht der Stadt“ hat nichts mit dem Theater zu tun, nichts mit einem Museum oder ähnliches. Unsere heutige Persönlichkeit war „einfach nur ein Lehrer“. Doch ist diese Formulierung eigentlich richtig? „Einfach nur…?“ Nein.

1929 wurde Herr Beer in Breslau geboren. 1944 wurde er zum Unternehmen Barthold eingezogen.
Unternehmen Barthold (auch Bartold geschrieben) war der Deckname für den Aufbau von partiellen Verteidigungslinien im Zweiten Weltkrieg ab August 1944 im Großraum Breslau, Schlesien. Schwerpunkte waren die Gegend um Namslau und Groß Wartenberg. Die Linie bestand im besten Fall aus einem fünf Meter breiten, drei Meter tiefen, keilförmigen Panzergraben, einem doppelten Flandernzaun (ein Drahtverhau aus Stacheldraht) und ca. 80 Meter dahinter, einem mannstiefer Schützengraben mit Maschinengewehr-Nestern.

Da die Verteidigungslinie, wie Augenzeugen berichteten, weder verteidigt wurde, noch deren Durchgänge gesprengt wurden, konnte die Rote Armee nicht aufgehalten werden.(1)
Als 15 jähriger war er nun im Sprengkommando und musste Panzergräben sprengen. Das Sprengkommando sprengte die Äcker der Bauern kaputt, eine andere Einheit gruben die Gräber aus. Doch das Schicksal brachte ihn zu Weihnachten nach Hause. Doch leider nicht für lange. Nach Weihnachten begann Operation Volkssturm, zu der auch er einberufen wurde.
Der Deutsche Volkssturm war eine deutsche militärische Formation in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Er wurde nach einem von der NSDAP ausgehenden propagandistischen Aufruf an alle „waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren“ gebildet, um den „Heimatboden“ des Deutschen Reiches zu verteidigen, „bis ein die Zukunft Deutschlands und seiner Verbündeten und damit Europas sichernder Frieden gewährleistet“[1] sei. Ziel des Aufrufs war es, die Truppen der Wehrmacht zu verstärken.(2)
Hier flüchtete er mit einem Freund und musste im Januar 1945 Breslau verlassen.
In diesen Jahren wurde er, wie viel Familien von seinen Eltern getrennt. Mit knapp 16 Jahren wurde zum „Arbeitsdienst“ im Bayrischen Wald eingezogen, sollte dort gegen die amerikanischen Sherman Panzer kämpfen und kam schließlich in amerikanische Gefangenschaft. Hier „feierte“ er seinen 16.Geburtstag. Doch Beer gab nicht auf. Er suchte seine Eltern. Da es nach dem Krieg sehr schwer war, es gab weder gute Kleidung noch genug Essen, verdingte er sich als Knecht bei einem Bauern im bayrischen Wald. Dies sicherte sein Überleben. Jedoch musste er für sein Geld auch etwas tun. Er erlernte die „Handarbeit in der Landwirtschaft“. Weder elektrisches Licht noch moderne Arbeitsgeräte halfen ihm dabei. Mit Gas- oder Petroleumlampen, einfachen Werkzeugen kämpfte er sich durch.
Die Suche nach seinen Eltern gab er jedoch nicht auf.
Schliesslich fand er durch das Rote Kreuz die Adresse seines Vater heraus. Dieser wohnte nun in Luckau bei Lübben, wo er eine Anstellung als Betriebsleiter der Niederlausitzer Eisenbahn bei einem ansässigen Privatunternehmen hatte.
1946 kam der junge Herr Beer zu seinen Eltern zurück und besuchte fortan die Schule. Doch das Schicksal meinte es auch hier nicht gerade gut mit ihm. Ein Jahr später starb sein Vater an den Folgen einer LungenTBC. Jetzt war er der Mann im Hause. Um Geld zu verdienen ging er 1947 zur Eisenbahn und begann mit seiner Berufsausbildung. Nur 5 Jahre später war er Lehrausbilder. Im Anschluss absolvierte er noch ein Studium in Dresden zum Ingenieur.
1956 verschlug es ihn schlussendlich nach Nordhausen. Hier bildete er als Lehrausbilder und späterer Lehrmeister die Jungen und Mädchen für die Eisenbahn mit aus. Fahrzeugschlosser, Gleisbauer, Betriebsschlosser, Verkehrskaufleute…. all diese lernten ihn kennen. Auch in seiner beruflichen Karierre sollte es vorwärts gehen. Mit über 60 Jahren wurde er zum Reichsbahnrat befördert.

Für seine Schule hat er sehr viel getan. „Wissen Sie“, so Beer,“ wir standen damals für unsere Schule ein.“ Improvisationen gehörte eben dazu. Beer erinnert sich an viele schöne Anekdoten. „Damals, wir hatten ja keine Sporthalle, haben wir ein mannshohes Fundament aus Hohlblocksteinen gebaut. Unser Direktor hat aus Stralsund eine 1/2 Baracke gekauft, die wir auf das Fundament stellten. Somit hatten wir ein gute Höhe erzielt.“ Fortan war der Sportunterricht in den Sommermonaten gewährleistet.

Heute sahen wir keinesfalls einen alten, klapprigen Rentner vor uns. Nein, im Gegenteil. Mit einem Strahlen in den Augen schilderte uns Herr Beer die Geschehnisse aus vergangenen Tagen. Sieht man ihn, kann man etwas neidisch werden. Wie geschickt und flink er in die Hocke geht, Daten aus damaliger Zeit aus seinem Gedächtnis „kramt“, all das ist beneidens- und wünschenswert.

Auch heute treffen sich die Lehrer aus damaliger Zeit noch regelmäßig. Das lassen sie sich nicht nehmen.

Wir wünschen ihm und seiner Frau noch lange, glückliche Tage voller Gesundheit und bedanken uns für das Gespräch und seine Zeit.

 

(Quellen:

  • Unternehmen Barthold
  • Volkssturm
  • Bilder teilweise Privatarchiv R.Beer)
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