Geschichte aus Stadt und Landkreis Nordhausen?

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Das muss warten!

Aufgrund der Corona-Lage können im Mai die lang geplanten und mit Freude erwarten Veranstaltungen des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins e. V. nicht stattfinden. Dies betrifft nicht nur den traditionellen Dienstagabendvortag im Tabakspeicher, sondern auch die am 9. Mai 2020 angedachte Führung über den jüdischen Friedhof in Nordhausen. Sobald sich eine Möglichkeit zum Vortragsabend und zur Führung ergibt, wird der neue Termin bekannt gegeben, umso größer ist die Freude auf eine gut besuchte Führung mit regem Austausch. Als kleinen Trost und als Abwechslung von den unzähligen Corona-Schlagzeilen, folgt nun ein kleiner Abriss über ein jüdisches Grabmal und die Geschichte hinter dem Grabmal. Es geht um das Grabmal des Nordhäuser Baumwollfabrikanten Adolf Eisner (geb. am 12. Okt. 1858). Das erhalten gebliebene Tagebuch, das seine Frau für ihren Sohn Otto verfasste, gibt darüber Auskunft.

Foto: Eisner Tagebuch/Fotografiert  Marie-Luis Zahradnik)

Abbildung: Portrait von Adolf Eisner. (Foto: Eisner Tagebuch/Fotografiert Marie-Luis Zahradnik)

Der Grabstein von Adolf Eisner mit Umrandung ganz aus schwarzem Marmor ist eines der wohl größten und architektonisch opulentesten unter den rund 420 Grabmalen, die auf dem Friedhof zu sehen sind.

Der jüngste Sohn Otto Eisner war in München beim Jura-Studium, als ihn eine Depesche erreichte, mit der schicksalhaften Nachricht, dass sein Vater am Blinddarm operiert worden ist. Als Otto in Nordhausen ankam, traf er seinen Vater nicht mehr lebend an.
Noch einige Tage zuvor war Ottos Vater nach Berlin zur Beerdigung des Fabrikanten, SPD-Mitbegründers und Vorsitzenden sowie Reichstagsabgeordneten Paul Singer gereist. Mit Schmerzen am Blinddarm kehrte Adolf Eisner zurück; wurde nach zwei Tagen operiert. Jedoch sollte er von dieser Operation nicht wieder genesen und verstarb am 12. Februar 1911. Das traurige Ereignis hält die Tagebuchautorin und Witwe Emma Eisner für Ihren Sohn Otto mit den Worten fest: „Der Beste aller Menschen & Väter mußte so früh im Alter von 52 Jahren von uns gehen! Es war bis dahin alles so vollkommen & idal bei uns & nun wurde alles so jäh gestört & zerrissen. Es bleibt keinem etwas im Leben erspart; das Geschick ereilt den einen früh, den anderen spät! Größere Ehrungen wie unserm geliebten Todten erwiesen sind, sind wohl keinem Nordhäuser Bürger wiederfahren.“

Die Darstellung der Ehrung des Verstorbenen belegt eine Traueranzeige in der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 17. Februar 1911. Bis zu seinem Tod hatte Adolf Eisner das Amt des Gemeindevorsitzenden inne. In der Anzeige wird auch über seine Rolle und Gesinnung in der Gemeinde berichtet: „In Nordhausen ist der Vorsitzende des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Herr Adolf Eisner, nach kurzer Krankheit gestorben. Der Verblichene war ein wahrhaft liberaler Jude, dessen Wirksamkeit der Gemeinde zum Segen gereichte.“ Seine liberale Einstellung im Glauben entsprach auch der der meisten Gemeindemitglieder, da die Synagogengemeinde mit ihrer Neugründung 1808 einen modernen und reformoffen Weg ging.

Otto blieb noch einige Zeit bei seiner Familie in Nordhausen und wechselte dann im April 1911 den Studienort von München nach Berlin. Nach der Zeit der Trauer unternahm die Familie weiterhin Ausflüge zu Orten, die sie auch mit dem Vater einst bereisten. Doch wirken die Erinnerungseinträge im Tagebuch ab da an weniger beschwingt.

Geschichte weckt Neugierde. Interessierte Besucherinnen und Besucher, die gern mehr darüber erfahren möchten, können gern zu einer der nächst möglichen Führungen kommen. Der Termin wird in der Presse und auf der neuen Internetseite www.ngav.de bekannt gegeben.

Bis dahin wünscht Ihnen der Nordhäuser Geschichts- und Altertumsverein eine gute Zeit und bleiben Sie gesund!

Dr. Marie-Luis Zahradnik

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