Europas erfolgreichstes Naturschutzgesetz wird 40: Die EU-Vogelschutzrichtlinie

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Der NABU Thüringen fordert weitere Anstrengungen zum Schutz der Vögel auch außerhalb der Schutzgebiete

Jena – Am 2. April wird die EU-Vogelschutzrichtlinie 40 Jahre alt. Sie ist gemeinsam mit der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie das entscheidende Instrument für den Erhalt und die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt sowohl auf EU- wie auch auf Bundes- und Landesebene.

Rund 14,3 Prozent der Landesfläche sind im Freistaat nach der EU-Vogelschutzrichtlinie als Vogelschutzgebiete ausgewiesen. Laut des NABU Thüringen ist die Vogelschutzrichtlinie die wichtigste Grundlage zum Schutz der wildlebenden Vogelarten und ihrer Lebensräume in der EU. Sie gilt weltweit als eines der fortschrittlichsten und erfolgreichsten Naturschutzgesetze. Vollständig umgesetzt ist sie aber auch nach 40 Jahren immer noch nicht.

„In Thüringen haben wir 44 EU-Vogelschutzgebiete mit einer Gesamtgröße von 230.824 Hektar. Durch die Unterschutzstellung wurden wesentliche Weichen für den Erhalt der Vogelwelt gestellt“, sagt Martin Schmidt, der Landesvorsitzende des NABU Thüringen. „Die Umsetzung dieser Maßnahmen war jedoch ein quälend langer Prozess.“ Wie in vielen anderen Mitgliedstaaten auch, erfolgte die Umsetzung in Deutschland häufig erst aufgrund massiven Drucks durch die EU-Kommission als „Hüterin der EU-Verträge“, durch Vertragsverletzungsverfahren sowie Gerichtsverfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. So dauerte es 30 Jahre, um in Deutschland ein einigermaßen vollständiges Schutzgebietsnetz auszuweisen. Heute gibt es 742 Vogelschutzgebiete, die etwa 14,5 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands, inklusive der Meeresgebiete, einnehmen.

Ziel der Richtlinie ist der Erhalt eines guten Zustands aller europäischen Vogelarten, insbesondere durch eine strenge und europaweit einheitliche Regulation der Jagd, durch aktive Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Arten und durch die Ausweisung der wichtigsten Vogelvorkommen als spezielle Schutzgebiete.

Gesetzlicher Schutz, aktive Maßnahmen und Schutzgebiete haben sich positiv auf die Bestände vieler Flaggschiffarten des Naturschutzes ausgewirkt. So hat der Bestand des Schwarzstorchs stark von der Vogelschutzrichtlinie profitiert. „Typischer Lebensraum für den Schwarzstorch sind Wälder mit Still- und Fließgewässern wie es sie im Thüringer Wald gibt. Das EU-Vogelschutzgebiet „Westliches Thüringer Schiefergebirge“ mit seinen Buchen- und Fichtenwäldern und naturnahen Fließgewässern bietet zum Beispiel gute Lebensbedingungen für diesen großen Schreitvogel“, erklärt Martin Schmidt. „Dank der Schutzbemühungen geht es dem Schwarzstorch in Thüringen auch immer besser.“

Das EU-Vogelschutzgebiet „Werra-Aue zwischen Breitungen und Creuzburg“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie rechtlicher Druck positive Veränderungen bewirken kann. „Bei Bad Salzungen befindet sich die wertvollste, großflächig unzerschnittene Wiesenlandschaft der Werraaue mit landesweiter Bedeutung. Dieser Fakt war lange bekannt, aber erst die Meldung der Werraaue als Vogelschutzgebiet führte dazu, dass aus einer zerstörerischen Straßenplanung für die Neutrassierung der Bundesstraße 62 mit unserer Unterstützung eine vernünftige, an die Landschaft angepasste Lösung entwickelt wurde. Die Variante, die jetzt im Genehmigungsverfahren kurz vor der Planfeststellung steht, berücksichtigt die Naturschutzbelange angemessen. Blaukehlchen, Wachtelkönig und Rohrweihe können nun weiter dort brüten“, berichtet Martin Schmidt.

Entwicklungsbedarf sieht der Landesvorsitzende vor allem aber außerhalb von Schutzgebieten wie zum beispielsweise den mittleren Teil des Thüringer Beckens. „Intensiv genutzte Agrargebiete müssen sich in strukturreiche Kulturlandschaften verwandeln. Wollen wir das Artensterben aufhalten, dürfen wir uns nicht auf die kleinen Inseln der Schutzgebiete verlassen“, fordert Martin Schmidt. Während sich viele seltene Zielarten des Naturschutzes inzwischen gut entwickeln, brechen die Bestände vieler früher häufiger und weitverbreiteter Allerweltsvogelarten ein. Insbesondere in der Agrarlandschaft sind die EU-Vogelbestände seit Inkrafttreten der Richtlinie um 56 Prozent zurückgegangen. Denn dort hat die Vogelschutzrichtlinie trotz ihres flächendeckenden Anspruchs das Nachsehen gegenüber der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Diese fördert pauschal und ineffizient den Besitz großer Flächen, stellt aber viel zu wenig finanzielle Mittel für eine naturverträgliche Landbewirtschaftung und das Erreichen der Naturschutzziele der EU bereit. Deshalb fordert der NABU zusammen mit den anderen deutschen Umweltverbänden unter anderem, dass im Zuge der aktuell diskutierten Neuausrichtung der gemeinsamen EU-Agrarpolitik ein jährlicher Betrag von 15 Milliarden Euro für den Naturschutz ausgewiesen wird.

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