Eine frühe Diagnose ist entscheidend für die Lebensqualität von Rheumapatienten

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„Frühzeitig gut behandelbar“

Rheuma ist eine Volkskrankheit, die als chronische Erkrankung das weitere Leben bestimmt. Ein Fakt, der vielen Patienten erstmal den Boden unter den Füßen wegzieht. Wird die Autoimmunerkrankung jedoch rechtzeitig erkannt und therapiert, können Betroffene von einer effektiven Behandlung mit gewonnener Lebensqualität profitieren. Am 12. Oktober ist Welt-Rheuma-Tag. Zeit, sich mit der aktuellen Forschung, Behandlungsoptionen und der regionalen Versorgung von Rheumapatienten im Landkreis Nordhausen zu beschäftigen.

Rheuma ist keine „Alte-Leute-Krankheit“, sondern betrifft auch Kinder und junge Erwachsene. Für Betroffene geht die Erkrankung häufig mit starken Schmerzen und Bewegungseinschränkungen in den Gelenken einher. Ursache der Autoimmunerkrankung ist eine Entzündung, die Gelenke, Knochen und die inneren Organe angreift. „Hinter Rheuma verbirgt sich kein eigenständiges Krankheitsbild“, erklärt Anke Graß, Oberärztin für Orthopädie, Rheumatologin und zertifizierte Osteologin in der HELIOS Klinik Bleicherode. „Vielmehr verstecken sich dahinter mehr als 100 verschiedene rheumatische Erkrankungen.“

Bei der chronischen Erkrankung werden vier Hauptgruppen unterschieden: Entzündlich-rheumatische Erkrankungen, degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, Weichteilrheumatismus und Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden. Rheuma ist also nicht gleich Rheuma. Meist schleichend, über Jahre hinweg, werden im Krankheitsverlauf – insbesondere unbehandelt – die Gelenke zerstört oder, im Extremfall auch andere Organe wie Herz, Niere, Lunge, Darm, Haut oder Augen. Die häufigste entzündlich rheumatische Erkrankung ist die Rheumatoidarthritis, ca. 550.000 Menschen in Deutschland sind davon betroffen.

Je früher die Diagnose, desto größer die Langzeiterfolge

Neue Klassifikationskriterien ermöglichen es, eine Rheumatoidarthritis heute früher zu erkennen. Ziel der Rheumatherapie ist ein entzündungsfreier Zustand, auch Remission genannt, der dank der zur Verfügung stehenden hochwirksamen Medikamente besser erreicht werden kann. „Heilbar ist die Erkrankung jedoch in den meisten Fällen nicht“, betont die Rheumatologin ausdrücklich. „In manchen Fällen muss eine Rest-Krankheitsaktivität akzeptiert werden.“ Wird Rheuma diagnostiziert, ist ein rascher Therapiebeginn entscheidend. Zu Beginn werden schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente eingesetzt. „Der frühestmögliche Beginn der Basistherapie bewirkt einen Rückgang der Gelenkentzündung und damit den Erhalt der Gelenkfunktion. Die Zerstörung der Gelenke wird verhindert“, sagt Anke Graß. Die häufig bei Rheumaerkrankten vorkommenden Herzkreislauferkrankungen seien durch die Behandlung der Grunderkrankung besser behandelbar und die Lebenserwartung der Betroffenen entspricht mittlerweile der der allgemeinen Bevölkerung.

Fast die Hälfte des Mindestbedarfs ist nicht gedeckt

Die positive Entwicklung ist nicht nur der Pharmazieforschung zu verdanken, sondern auch der Weiterbildung der behandelnden Ärzte. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, werden je 100.000 erwachsener Einwohner mindestens zwei internistische Rheumatologen in der ambulanten Versorgung gebraucht. Dies entspricht 1350 Rheumatologen in Deutschland. Tatsächlich praktizieren derzeit jedoch nur 776. Fast die Hälfte des Mindestbedarfs in der Versorgung betroffener Patienten ist damit nicht gedeckt. Jährlich werden 2000 Neuerkrankungen diagnostiziert.

Anke Graß ist eine von 20 Rheumatologen in Thüringen, jedoch seit 2014 die Einzige im Landkreis Nordhausen. Obwohl sie eigentlich orthopädische Rheumatologin ist, betreut sie die Patienten nicht nur in Bezug auf Operationen, sondern führt die Diagnostik und die medikamentöse Einstellung durch. Seit über zehn Jahren leitet die erfahrene Ärztin eine Ermächtigungssprechstunde in der HELIOS Klinik Bleicherode. Rheumaerkrankte aus ganz Thüringen nehmen den Weg auf sich, um sich von ihr regelmäßig behandeln zu lassen. Die Warteliste ist lang. „Derzeit können wir erst Termine ab April 2019 vergeben“, sagt die Oberärztin. Zudem bietet sie in der Bleicheröder Fachklinik neben der Akutbehandlung auch eine rheumatologische Komplexbehandlung an. Gemeinsam mit ihren Kollegen bildet sie ein interdisziplinäres Expertenteam aus Ärzten, Pflegenden, Physio- und Ergotherapeuten sowie Psychologen und erstellt gezielt individuelle Behandlungspläne chronischer Rheumapatienten. Immer mehr Patienten nehmen das komplexe Therapieangebot an, das ca. 16 Tage dauert. „Das Feedback der Patienten ist durchweg positiv“, sagt Graß.

Wenn die konservative Therapie ausgeschöpft ist

Zeigen die medikamentöse Basistherapie und regelmäßige physikalische Therapie nicht den gewünschten Erfolg, sollte über eine orthopädisch-operative Behandlung nachgedacht werden. „Wichtig ist es, den Zeitpunkt zu erkennen, wann operative Maßnahmen notwendig sind. Das können Eingriffe, wie die Entfernung einer entzündlich veränderten Gelenkschleimhaut zum Schutz befallener Gelenke und Sehnen, wiederherstellende Eingriffe oder sogar ein Gelenkersatz sein, wenn es bereits zu bleibenden Schäden gekommen ist“, erklärt Dr. Graß.

Ist eine Heilung in Sicht?

Worin sieht Anke Graß die Herausforderung für die zukünftige Rheumatherapie? „Da es trotz gezieltem Einsatz der verschiedenen Medikamente nicht gelingt bei jedem Patienten die Entzündungsaktivität der Erkrankung zu stoppen, muss die Wissenschaft weiterentwickelt werden.“ Und natürlich hoffe sie auf ein „höheres“ Ziel: die Heilung dieser Erkrankungen. Bis dahin widmen sich Anke Graß und ihre Kollegen ihren Rheumapatienten, damit deren Leben weiterhin so uneingeschränkt und lebenswert wie möglich ist.

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