Die Sophienheilstätte in Bad Berka – ein Lost Place der besonderen Art – Teil 3

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Die Landesversicherungsanstalt Thüringen übernimmt

Im Jahr 1904 übernahm die Landesversicherungsanstalt die Sophienheilstätte und veranlasste 1911/12 einen großzügigen Erweiterungsbau. Das Haupthaus wurde dabei um zwei Etagen aufgestockt, wodurch die Bettenzahl auf 200 erhöht werden konnte. In dieser Form existiert das imposante langgestreckte Fachwerkhaus, das auf einem Sockel aus Buntsand-stein ruht, bis auf den heutigen Tag. Nach der Jahrhundertwende und mit dem Titel Bad aufgewertet, nahm die Entwicklung des Kurbetriebes und der Gästezahlen in Berka einen guten Verlauf. Die Verunsicherung und die Ängste in der Berkaer Bevölkerung dauerten jedoch an. Hotel- und Gaststättenbetreiber befürchteten einen erneuten Rückgang der Badegäste aus Angst vor der »Schwindsucht«. Sie waren wohl um den Ruf ihres Kurortes besorgt. Die Stadt versuchte die Patienten der Sophienheilstätte mit Verfügungen vom Ort fernzuhalten. Ein viel begangener Panoramaweg führte von der Sophienheilstätte über »die Harth« an den dort gelegenen Privatkuranstalten vorüber, nach dem Kurort Berka. Erst nach dem Krieg, als sich das Leben wieder allmählich zu normalisieren begann, beruhigte sich der Konflikt. Auch gab es verschiedene Besitzerwechsel bei den Pensionen und Kureinrichtungen. Eine krisenhafte Situation entstand mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Gästezahlen brachen förmlich ein. Dringend benötigte Einnahmen fehlten der Stadt, die sich deshalb um den Verkauf der Badeanlagen bemühte. Erst 1920 gelang der Verkauf des Kurbades und des Kurhauses mit den dazugehörigen Grundstücken.

Auch die Sophienheilstätte war von der schwierigen Versorgungslage während der Kriegsjahre betroffen, »aber auch psychosomatische Faktoren wie Sorgen, Angst und Hass führten zu einer starken Ausbreitung der Tuberkulose. Allein im Jahr 1916 wurden 446 lungenkranke Soldaten – Männer mit erlittener Militär- und Kriegsdienstschädigung – eingewiesen«. In den Nachkriegsjahren mangelte es der Heilstätte besonders an Heiz- und Verbrauchsmaterial für die Pflege und überhaupt. Außerdem führte die Kostenexplosion aufgrund der Geldentwertung in der Zeit der Inflation zu Problemen. Patienten mussten ihre Kuren abbrechen, weil Arbeitslosigkeit und Not sie dazu zwang. Die schöne Fassade des Hauptgebäudes auf den Postkarten täuscht: Der Neubeginn nach Kriegsende und den Revolutionswirren war mühevoll, erschwerten doch Reparationslast, Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Hyperinflation und der Umbau der Gesellschaft nach dem Sturz der Monarchie und der Bundesfürsten die Entwicklung. Der Mitte der zwanziger Jahre einsetzende Aufschwung war von kurzer Dauer. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 bremste den Prozess der Konsolidierung erneut jäh. Ihr folgten die Jahre weiterer politischer Un-ruhen bis über die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Die im November 1933 gegründete Nationalsozialistische Gemeinschaft Kraft durch Freude (KdF) bewirkte mit ih-ren Angeboten unter dem Amt für Reisen, Wandern und Urlaub (RWU) auch für Bad Berka eine vorrübergehende Wiederbelebung des Gäste- und Kurbetriebes bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Umbruch – Die Sophienheilstätte in der Nachkriegszeit

Sophienheilstätte – Schwerer Anfang nach dem Krieg

Mit dem Ende des 2. Weltkriegs warf das Elend seine Schatten auf Deutschland zurück. Nicht nur die Folgen der zahllosen Bombenangriffe, Flucht und Vertreibung und der Krieg im eigenen Land machten zu schaffen, auch die extremen Wetterkapriolen mit anhaltenden Trockenperioden, sintflutartigen Regen, Stürmen und Kälteeinbrüchen, teilweise bis weit in das Frühjahr hinein. Die Folge waren Überschwemmungen, Ernteausfälle, Krankheiten, Seuchengefahr, erneutes Leid und Tod. Der Kältewinter 1946/1947 war ein einziges Desaster. Es war einer der kältesten Winter in Deutschland seit vielen Jahrzehnten und gilt als strengster Winter des 20. Jahrhunderts. Es gab weder genügend Kohle noch anderes Brennmaterial, womit die Häuser bei Temperaturen von unter -20 Grad C hätten ausrei-chend geheizt werden können. Das Hauptgebäude der Sophienheilstätte war zwar massiv gebaut, aber die teilweise Fachwerkkonstruktion und die großen Fenster in den hohen Räumen boten keine ausreichende Isolation gegen die extremen Wetterunbilden. Die Kohlevorräte erschöpften sich Mal um Mal. Weiterhin fehlte es an Lebensmitteln, Gummihandschuhen, Thermometern, Lebertran, Glühbirnen, Seife, Bettwäsche, Verbrauchsmaterialien aller Art – nahezu allem für den Pflegebetrieb. Nur gut, dass mit der Gärtnerei beim Rittergut München eine saisonbedingte Eigenversorgung trotz großer Probleme aufrechterhalten werden konnte. Im August 1945 wird mit Verfügung des Landespräsidenten die LVA Thüringen und somit die Sophienheilstätte dem Landesamt für Sozialwesen eingegliedert. Die Liegenschaften sind also Eigentum des Landes Thüringen.

Es gab zwar keine eigentliche »Stunde Null«, aber die Herausforderungen und Lebensum-stände der Bevölkerung waren extrem schwierig. Die Menschen litten Hunger und Durst, die hygienischen Verhältnisse waren zum Teil katastrophal, das Immunsystem vieler war ge-schwächt, nicht zuletzt durch kriegsbedingte Verletzungen oder Traumata – ein idealer Nähr-boden für Krankheiten: Die Tuberkulose war wieder auf dem Vormarsch, in all ihren schreck-lichen Formen. Die Statistik weist für 1948 in Thüringen 32.214 Erkrankungen und 3.302 Todesfälle aus.1945 beabsichtigte die sowjetische Militäradministration die Beschlagnahme der Sophienheilstätte, um in ihr ein Seuchenlazarett für die eigenen Soldaten einzurichten. Dr. Tegtmeier konnte diese Pläne verhindern. Am 25. September 1945 gab die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) einen allgemeinen »Befehl über die Maßnahmen gegen Infektionskrankheiten in der sowjeti-schen Besatzungszone« heraus. Der SMAD wie auch den anderen Besatzungsmächten war die Tragweite der Situation bewusst, die mit der Gefahr einer massenhaften Verbreitung von Infektionskrankheiten verbunden war. Der Befehl Nr. 297 der SMAD vom 3. Oktober 1946 zielte dann direkt auf »Maßnahmen für die Tuberkulosebekämpfung innerhalb der deut-schen Bevölkerung« und sah dabei auch den Ausbau von Heilstätten vor. Die Zunahme der Krankheitsfälle machte eine dringende Erweiterung der Sophienheilstätte erforderlich. Dr. Tegtmeier setzte vorerst auf eine Neuordnung mit anderen Häusern und deren Eingliederung unter die Verwaltung der Lungenheilanstalt. Bereits 1945 konnte Haus Rodberg (50 Betten), ein ehemaliges Genesungsheim für innere Erkrankungen der LVA Sachsen-Anhalt und 1947 Schloss Tonndorf (91 Betten) mit Lungenkranken belegt werden.

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(mit freundlicher Genehmigung der Zentralklinik Bad Berka)

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