Die Boelke-Kaserne

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Die Boelke-Kaserne – Das sechste Lager

Schaut man in alten Büchern und Unterlagen nach, kann man einige interessante, aber auch grausame Dinge über die Boelke-Kaserne erfahren.

Immer wieder findet man jedoch dies:

Die Boelcke-Kaserne war das Sterbelager des KZ Mittlebau.
Im Januar 1945 richtete die SS in der Kaserne zusätzlich ein Aussenlager des KZ Mittelbau Dora ein. Zunächst sollten hier nur Häftlinge untergebracht werden, die in Nordhäuser Firmen Zwangsarbeit leisten mussten. Ab Februar 1945 nutzte die SS die Kaserne als zentrales Kranken- und Sterbelager für das KZ, in das nicht mehr arbeitsfähige, todkranke Häftlinge abgeschoben wurden. Als Unterkunft für die Häftlinge dienten 2 leerstehende Garagenhallen. Betten, Waschgelegenheiten, Medikamente, Nahrung gab es wenig oder gar nicht.

Um so beeindruckender ist ein Erinnerungsbericht von Siegfried Halbreich, welcher im Jahre 2000 in Los Angeles unter dem Titel „Before-During-After. Surviving the Holocaust“ erschienen ist. Ein paar Zeilen möchten wir Ihnen nicht vorenthalten. Diese zeigen in beeindruckender Weise das Leid, die Qual, die Folter und die Angst der Menschen. So etwas sollte und darf sich nicht wiederholen!

Februar bis April 1945

Am fünften Tag wurde ein anderer Transport zusammengestellt und wir marschierten zu einem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt kurz hinter die Stadt. Wir kamen so gegen Abend dort an.
Drei große Flugzeughallen, abgeteilt durch elektrischen Stacheldraht, waren zu Unterkünften umfunktioniert. Von Tausenden, mit denen ich Buna verlassen hatte, waren nur 50 oder 60 übrig geblieben. Während des Appell`s fragte ein SS – Offizier, ob irgend jemand schon einmal im Revier gearbeitet hat. „Ich“, sagte ich und trat einen Schritt vor. Er fragte mich, was ich getan hätte, wo und wie lange. Ich faßte meine Geschichte in den Lagern zusammen. „Von jetzt an“, sagte er, “ sind Sie Lagerältester im Revier. Gibt es hier noch jemanden, mit dem Sie in Monowitz zusammengearbeitet haben?“….

Eine unversehrte Halle wurde als „Krankenhaus“ genutzt. Der Fussboden war mit Stroh bedeckt, auf dem hunderte von Menschen lagen. Die Halle stank nach verwesenden Körpern, die Luft war erfüllt mit Typhuserregern und Erregern anderer Krankheiten. Ich ging die Treppe hinauf zur Erste Hilfe Station, wo die Kranken registriert wurden, bevor sie das Revier bertreten durften. Das Personal des Reviers bestand aus einigen Pflegern und dem Schreiber. Ich sagte dem Schreiber, dass ich zum Revierverantwortlichen ernannt worden war und jene Häftlinge meine Pfleger seien… Ich erkundigte mich, welche Mittel zu ihrer Hilfe zur Verfügung standen. Es stellte sich heraus, dass es fast gar nichts gab…
Am anderen Morgen machte ich eine Generalinspektion des Reviers. Die Boelcke-Kaserne, wie dieses Lager genannt wurde, war hauptsächlich Revier für drei Lager: Dora, Ellrich und Harzungen. Es war mehr ein Sterbelager. Neben der unteren Etage, die voller Kranken war, war auch die obere Etage voll mit kranken Häftlingen, die auf harten hölzernen Bettgestellen lagen. Am Anfang handelte es sich meist um Alte oder Schwerkranke. Ihre Überlebenschance waren gleich null. Die meisten litten an Tuberkulose. Es gab keinen Weg, ihnen zu helfen, keine Medikamente, nichts. Die Nahrung, die wir erhielten, war unzureichend. Ab Februar gab es kein Brot mehr. Anstelle des Brotes erhielten wir nun drei oder vier Kartoffeln. Morgens erhielten wir einen halben Liter schwarzen Wasser, der sich Kaffee nannte und abends einen dreiviertel Liter Suppe aus gefrorenen Kartoffeln oder Kartoffelschalen.
Meine Hauptaufgabe bestand darin, von Raum zu Raum zu gehen, die Toten zu zählen und ihre Nummern auf der Liste zu überprüfen. Dann musste ich sie einreichen. Wenn der LKW ein- oder zweimal die Woche von Dora kam, wurden sie im Keller aufgestapelt. Jeden Tag kamen jüngere Menschen. Ihre Überlebenschancen waren größer als die der alten Häftlinge. Sie kamen aus dem Stollen. Die meisten von Ihnen waren so erschöpft, dass sie nicht mehr zur Arbeit taugten….
Wir erwarteten sie in der Ambulanz. Sie hatten die Hoffnung, im Revier aufgenommen zu werden und nicht mehr in den Stollen zurückkehren zu müssen. …
Nach nur vier Wochen war das ganze Lager ein einzig großes Revier. Alle, bis auf 500 Mann, die in diesem Konzentrationslager lebten, wurden in andere Lager überstellt. Die, die hier lebten, lebten in einer einzigen großen Halle. Ungefähr 4000 Kranke Männer aus den Aussenlagern kamen in die Boelke-Kaserne. Die meisten von ihnen litten an Tuberkulose….
Während ich meine Flucht mit Janek diskutierte, fingen die Sirenen an zu heulen. Wir schauten nach oben und sahen amerikanische Flugzeuge, die Bomben abwarfen. Janek, ich und andere Häftlinge rannten aus den Lager heraus. Wir rannten zu den Feldern am Rande der Stadt. Unterwegs vermischten wir uns mit hunderten Zivilisten, die aus der Stadt flohen. Neben uns lief der Polizeichef und seine Frau und zwei Kinder… Das Anhalten durch den Polizeichef hatte uns doch nicht Glück gebracht. Wir trugen die Koffer des Polizeichefs zurück in sein Haus. Als wir drinnen waren, bat uns seine Frau, uns zu setzen und bot uns richtigen Kaffee und Brot an. .. Bringen Sie uns nicht zurück ins Lager. Bitte , lassen Sie uns hier bleiben……

Befreiung – April 1945 bis Juni 1945

Am 13. April 1945 kehrten wir ins Lager zurück. Dieses Datum werde ich nie vergessen. Es war für mich der „Tag der Befeiung“. Überall waren amerikanische Soldaten. Sie fotografierten und brachten die, die noch lebten, zu LKW`s, um sie in Hospitäler zu bringen. Tausende abgezehrte Körper bedeckten das ganze Lager. Der Gestank war unerträglich….Als wir die Stadt betraten, sah ich Zivilisten, die den Schutt nach der Bombardierung wegräumten und mit dem Wiederaufbau begannen. Wir gingen die Auffahrt zu einer Villa hinauf, in der sich das Büro der amerikanischen Armee befand. … Die ersten, die sie suchten, waren die SS- Männer und die, die leitende Positionen hatten. Wir würden sämtliches Material sammeln und dokumentieren, was für den Nürnberger Prozess benötigt würde. Sie brauchten jemanden, der ihnen das in die deutsche Sprache übersetzen würde….
Am nächsten Tag sollte ich mit einem Fahrer ins Stammlager Dora fahren, um die zu suchen, die als Blockälteste und Kapos dienten. Als ich dort ankam, stellte sich heraus, dass alle Männer schon weg waren. Man hatte in der Zwischenzeit schon Tausende Ex-Gefangene behandelt, die dann bereits fortgegangen waren. Ich lief einem polnischen Freund… in die Arme…. Es war eine neue Erfahrung. Wir waren jetzt „frei“. Sicher, wir waren „glücklich“ und glaubten frei zu sein, aber es lies sich nicht beschreiben, was wir durchmachten. Wir sahen uns jetzt neuen Situationen gegenüber, mußten uns dem Leben wieder stellen.
Am nächsten Tag fand ich heraus, das die ehemaligen französischen Häftlinge nach Paris gebracht würden. Mir kam die Idee, dass Ruth und Osnath nach Paris gehen sollten anstatt in Deutschland zu bleiben. Paris war früher als Nordhausen befreit wurden.

Die Deutschen in einer vernünftigen Art und Weise zu verfolgen, fiel mir schwer. Das Sammeln von Daten… im Auftrag der Amerikaner erschien mir nur eine kleine Genugtuung…

Ich wurde ständig von Alpträumen gequält… Jeden Tag fuhren wir mit dem Auto in verschiedene ehemalige Lager und Gefängnisse. Eines Tages näherten wir uns der Stadt Gardelegen. Wir bemerkten Rauch, der aus einer Scheune kam, die abseits der Hauptstrasse lag. Wir bogen von der Hauptstrasse auf eine Landstrasse ab in Richtung Scheune. In der Scheune befanden sich ungefähr 400 Mann, die bei lebendigem Leib verbrannt waren. Anhand der Winkel bzw. Nummern auf ihrem Arm erkannten wir, dass es sich in der Mehrzahl um Juden handelte. Einige von ihnen waren deutsche oder polnische Häftlinge…. Sie waren aus einem Lager in der Nähe von Nordhausen. Sobald die Deutschen herausgefunden hatten, dass die Amerikaner näher kamen, brachten sie die Häftlicnge zu der Scheune, sperrten sie ein , übergossen die Scheune mit Benzin und zündeten sie an.“

Diese Zeilen stammen von einem Häftling. Einer der wenigen, die diese schreckliche Zeit, das Lager Dora und die Boelcke-Kaserne überlebte.

Quelle: „Nordhausen im Nationalsozialismus.Ein historischer Wegweiser“
mit freundlicher Unterstützung von Frau Dr. Regine Heubaum



Heute ist bis auf 3 Garagenghallen von der ehemaligen Kaserne nur noch wenig zu sehen. Am Eingang erinnert seit 1974 ein Gedenkstein an die Opfer. Zu DDR – Zeiten wurde dieser mit einer Tafel erweitert. Allein nur diese erinnert an die vergangene Zeit.



aktuelle Ansicht 2015:

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