Bloß Blues!

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Auftritt von Thomas Hanke & Plaintive Cry aus Leipzig

im Panorama Museum Bad Frankenhausen am 02.11.2018

Das Lebensgefühl der farbigen Farmarbeiter in den Südstaaten der USA fand in den 20er und 30er Jahren vor allem im Blues seinen musikalischen Ausdruck, damals noch roh, unverfälscht und geprägt durch sehr individualisierte Spieltechniken wurde er solistisch oder auch in kleinen Ensembles präsentiert. Aber Blues war nicht nur irgendeine kraftvoll präsentierte Trauer, weil die Whiskey-Flasche gerademal wieder leer, die Frau untreu geworden und mit einem anderen durchgebrannt ist oder die eintönige Arbeit und die allgemeine Perspektivlosigkeit nur düstere Novemberstimmungen zuließ, nein vor allem war er Unterhaltungsmusik und wurde in Minstrel-Shows, Jahrmärkten und in Tanzkaschemmen aufgeführt. Er sollte also durchaus Lebensfreude vermitteln, auch wenn er geprägt wurde durch inbrünstige Gospelnummern gleichermaßen wie durch die Arbeitslieder- und gesänge, allerdings auch durch europäische Folk- und Balladen-Traditionen. In den großen Metropolen des amerikanischen Nordens angekommen änderte sich an diesem Funktionsverständnis nur wenig, der Blues wurde lediglich elektrifiziert und zunehmend zu einem kommerziellen Produkt, das durch Heroen geprägt wurde wie Muddy Waters, Etta James, Howlin Wolf, Little Walter oder B.B. King. Und diesem in Chicago geprägten Blues mit tragisch-trauriger Note fühlten sich THOMAS HANKE & PLAINTIVE CRY (klagender Schrei) aus Leipzig, die am 2. November im Panorama Museum gastierten, verpflichtet, allerdings mit der Betonung des kraftvollen Klagens. Ihren von der Mundharmonika dominierten Blues-Sound nannten sie „Chamber Blues“, also irgendwie virtuos-kammermusikalisch. Das bezog sich wohl eher auf das Mundharmonika-Spiel von Thomas Hanke, das fast durchweg an diesem Abend im Vordergrund stand, während seine beiden Mitstreiter eher das unverzichtbare rhythmische Begleitfundament lieferten. Dabei agierten Rick Ulrich an den akustischen Gitarren und Manfred Helmuth am Kontrabass eher unauffällig, mehr oder weniger solide, auf das Notwendige reduziert und nicht unbedingt virtuos. Den ebenso unverzichtbaren Gesangspart übernahm Rick mit seiner kräftigen, tiefen, aber nicht besonders wandlungsfähigen Stimme. So lieferten die beiden meist den im der Uptempo gehaltenen Klang- Teppich, auf dem sich das durchaus nuancierte und variantenreiche Mundharmonika-Spiel von Thomas Hanke ausbreiten konnte. Und die Klänge, die er seinen von ihm selbst gefertigten Bluesharps entlockte, waren durchaus interessant und erstaunlich. Sie präsentierten eigenes von ihrer vor 10 Jahren erschienen CD „Out of Pain“ und Referenzen an entsprechende Szenegrößen wie Little Walter, den Rolling Stones oder den Allmann Brothers. Für mich war musikalisch Ricks „Dadysong“ einer der Höhepunkte des Abends. Nur wunderte es mich, dass er den ausgerechnet in Englisch und nicht in seiner Muttersprache verfasst hatte. Er meinte dazu lakonisch: „Mein Vater war ein Fernfahrer…“ klinge einfach blöd. Trotzdem wollte ihre musikalische Mixtur an diesem Abend nicht so richtig zünden, denn das Strickmuster ihrer Songs war allzu vorhersehbar, auch nicht frei von Klischees und vor allem es wiederholte sich andauernd. Da half es auch nicht, dass Rick auch mal gesanglich noch eine Schippe Intensität drauflegte und Thomas zum wiederholten Male seine Harmonika fürchterlich wimmern und jammern ließ. Hier haperte es offensichtlich an der Konzertdramaturgie. Ein paar schnellere Nummern mit einem rhythmisch stärker akzentuiertem Gesang und einem perkussiveren Harmonikaspiel hätten dem Konzert gut getan, hätten Tanzlaune beim Publikum vermitteln können, die sich wiederum motivierend auf das Spiel der Musiker auf der Bühne übertragen hätte. Am Ende war der Wunsch nach weiteren Zugaben doch eher verhalten. Nach dem Konzert befragte ich den Bandleader, ob er nicht doch ein paar musikalische Wagnisse eingehen wolle, zum Beispiel mit versierten Jazzern, mit denen er musikalisch zu neuen Ufern aufbrechen könnte. Das Potential habe er doch. Er meinte jedoch, dass er das nicht nötig habe, denn das, was sie hier präsentiert hatten, sei genau das, was er wolle. Jede Form von Entertainment hielt er dabei für überflüssig. Und daran krankte letztlich auch dieses Konzert.

 

Foto: „Thomas Hanke & Plaintiv Cry“ 1 bis 3, Rechteinhaber: Fred Böhme

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