Beim Medikationsplan „verzettelt“

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Informationsdefizite auf Kosten der Patientensicherheit

Erfurt, 8. September 2020 – Der Informationsaustausch zwischen Krankenhäusern und Arztpraxen weist oft Defizite auf. Darauf macht die BARMER Thüringen aufmerksam. Beim Übergang zwischen dem stationären und ambulanten Bereich werden insbesondere behandlungsrelevante Informationen zur Medikation häufig nicht in ausreichendem Maße weitergegeben, so das zentrale Ergebnis des aktuellen Arzneimittelreports der BARMER. „Patientinnen und Patienten sind unnötigen Risiken ausgesetzt, wenn wichtige Informationen nicht oder nur lückenhaft übermittelt werden“, sagt Birgit Dziuk, Landesgeschäftsführerin der BARMER Thüringen. Besonders gefährdet seien chronisch Kranke und Menschen, die mehrere Medikamente einnehmen.

Ursache der Informationsdefizite ist aus Sicht der BARMER weniger der einzelne Arzt, als vielmehr der unzureichend organisierte und nicht adäquat digital unterstützte Prozess einer sektorenübergreifenden Behandlung. „Es gilt, nachzubessern, um die Risiken für Patienten auf ein Minimum zu beschränken und die Arbeit der Ärzteschaft zu erleichtern. Offenbar erreicht der erst 2016 eingeführte bundeseinheitliche Medikationsplan noch nicht, was damit vorgesehen war. Ein Instrument für mehr Sicherheit und Transparenz in der Arzneimitteltherapie kann die elektronische Patientenakte (ePA) sein, die alle gesetzlich Krankenversicherten ab Januar 2021 freiwillig nutzen können“, so BARMER-Landeschefin Birgit Dziuk.

Fehlende Medikationspläne bei Krankenhaus-Aufnahme

Nach Angaben des Thüringer Landesamtes für Statistik werden jährlich etwa 580.000 Menschen in Thüringer Krankenhäusern operiert. Hochrechnungen der BARMER Thüringen haben ergeben, dass rund 265.000 davon Patientinnen und Patienten sind, die fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig und andauernd einnehmen. Gerade bei diesen sogenannten Polypharmazie-Patienten kommt es bei der Aufnahme ins und der Entlassung aus dem Krankenhaus häufig zu Informationslücken. So hatten den Report-Ergebnissen zufolge nur 29 Prozent der Patienten bei der Klinikaufnahme den bundeseinheitlichen Medikationsplan, der Informationsverluste zwischen Ärzten verhindern soll. Ab drei Medikamenten, die gleichzeitig und andauernd eingenommen werden, hat jeder Patient Anspruch auf den bundeseinheitlichen Medikationsplan. Zudem verfügten 17 Prozent über gar keine aktuelle Aufstellung ihrer Medikamente. Immerhin 54 Prozent der Befragten hatten zwar einen Medikationsplan, jedoch nicht den bundeseinheitlichen, der auch digital ausgelesen werden kann. Das geht aus einer Befragung von bei der BARMER versicherten Polypharmazie-Patienten über 65 Jahren hervor. Vorhandene Medikationspläne waren demnach häufig unvollständig. „Patientinnen und Patienten erwarten, dass die Aufnahme in ein Krankenhaus als hunderttausendfacher Prozess sicher und strukturiert abläuft. Es muss verhindert werden, dass sie aufgrund von Informationsdefiziten zu Schaden kommen“, sagt BARMER-Landeschefin Birgit Dziuk.

Optimierungsbedarf in Thüringen besonders angezeigt

Thüringens Bevölkerung ist mit durchschnittlich 47,2 Jahren die zweitälteste in ganz Deutschland, weswegen die BARMER im Freistaat besonderen Optimierungsbedarf sieht. Bereits jetzt sind mehr als die Hälfte der in Thüringer Krankenhäusern behandelten Patienten 65 Jahre und älter. Mit zunehmendem Alter steigt für viele Menschen die Anzahl an verordneten Medikamenten. Somit wird es künftig noch mehr Patienten mit Polypharmazie geben, die im Krankenhaus behandelt werden.


Patienten werden häufig nicht informiert

„Die Zeiten, in denen Patienten ausschließlich vertrauende Kranke waren, sind lange vorbei. Patienten treten heutzutage als selbstbewusste Beitragszahler und kritische Verbraucher auf. Viele informieren sich über ihre Krankheit und wollen aktiv in Therapie-Entscheidungen eingebunden werden“, sagt Birgit Dziuk. Angesichts dessen sei es erschreckend, dass über 30 Prozent der von der BARMER Befragten angeben, dass ihnen die Arzneitherapie vom Arzt nicht erklärt worden sei. Jeder dritte Patient mit im Krankenhaus geänderter Therapie habe zudem vom Krankenhaus keinen aktualisierten Medikationsplan erhalten. „Eine Arzneitherapie kann nur erfolgreich sein, wenn der Patient sie versteht und mitträgt. Dazu muss er sie entsprechend erklärt bekommen. Informationsdefizite dürfen auch deswegen nicht auftreten, weil die Therapie nach einem Krankenhausaufenthalt häufig noch komplexer wird“, so Birgit Dziuk weiter.

Weiterbehandelnden Ärzten fehlen Daten aus dem Krankenhaus

Dementsprechend dürfe es nicht sein, dass auch die Weitergabe von behandlungsrelevanten Daten aus dem stationären in den ambulanten Sektor mängelbehaftet ist. Dem BARMER Arzneimittelreport zufolge gibt es dafür jedoch Anhaltspunkte. Diese liefert eine Umfrage unter bundesweit 150 Hausärztinnen und Hausärzten. Demnach waren 40 Prozent der befragten Allgemeinmediziner mit den Informationen durch das Krankenhaus unzufrieden oder sehr unzufrieden. Nur bei jedem dritten betroffenen Patienten sind Therapieänderungen begründet worden. Wie die Routinedatenanalyse zeigt, waren rund 34 Prozent der Thüringer Patienten, die 2018 in einem Krankenhaus behandelt wurden, bereits vor Aufnahme in die Klinik Polypharmazie-Patienten. Nach dem Krankenhausaufenthalt steigt der Anteil auf 43 Prozent im ersten Quartal. Im dritten Quartal nach dem Eingriff in der Klinik liegt der Anteil an Polypharmazie-Patienten noch immer bei 38,6 Prozent. „Umfassende Informationen von der Klinik zum weiterbehandelnden Arzt sind unerlässlich. Dies gilt umso mehr, da stationär behandelte Patienten zunehmend älter sowie mehrfach erkrankt sind und polypharmazeutisch behandelt werden. Von einer modernen sektorenübergreifenden Versorgung kann derzeit leider nicht die Rede sein“, sagt die Landesgeschäftsführerin der BARMER Thüringen.


Digitale Lösungen

In der elektronischen Patientenakte (ePA) sieht die BARMER ein Instrument für mehr Sicherheit und Transparenz in der Arzneimitteltherapie. „Jeder Patient, der von seinem Arzt einen bundeseinheitlichen Medikationsplan bekommen hat, hat das Recht darauf, ihn von seinem Arzt in die ePA einstellen zu lassen. Das gilt auch für Notfalldatensätze und Arztbriefe. Präzise Informationen stehen dann bei der Krankenhauseinweisung zur Verfügung. Die Indikationsprüfung sowie die Prüfung auf Nebenwirkungen wird dadurch vereinfacht“, heißt es von BARMER-Landeschefin Birgit Dziuk. Auch Krankenhausärzte können, sofern die Patienten dies wünschen, in der ePA ihre Therapieentscheidungen dokumentieren. Diese Informationen stehen Haus- bzw. Fachärzten nach der Entlassung zur Verfügung. „In Jahrzehnten ist es nicht gelungen, die Versorgung über die Sektorengrenzen hinweg besser zu organisieren. Wir haben große Hoffnung, dass dies durch digitale Lösungen künftig gelingen wird“, so Birgit Dziuk abschließend. Das ändere aber nichts am Appell an Patienten und Ärzteschaft, den bundeseinheitlichen Medikationsplan mit all seinen Vorteilen bereits jetzt anzuwenden.

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