Aus dem Leben eines Journalisten

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– In Nordhausen zu Martini geboren, auf fünf Kontinenten unterwegs –

„Aus Nordhausen in die Welt“ stand neulich über einem Interview mit Manfred Neuber in der Rubrik „Gesichter der Stadt“. Der Journalist, an dessen Wiege im Hinterhof der Bahnhofstraße 19a die Rotation der früheren „Nordhäuser Allgemeinen“ des Verlegers Otto Witt lärmte, erinnert sich im hohen Alter an viele Erlebnisse in seinem spannenden Beruf.

Auf einer Safari-Lodge in Simbabwe abends beim Sun Downer begegnete ich Rudi Gutendorf. Als Fußball-Profi reichte seine Karriere von Koblenz bis Luzern. Als Trainer hält er den Weltrekord mit Engagements bei 55 Clubs rund um den Globus. Die Stationen verliefen von Ruanda und Chile bis zu Mauritius und Samoa. Das brachte „Rudi Rastlos“ ins Guinness Buch der Rekorde. Er verstand es ausgezeichnet, von seinen ergötzlichen Erfahrungen zu erzählen. So wurde es eine lange Nacht unter südlichem Sternenhimmel.

Wie klein ist doch die Welt! Als ich 1983 beim Gipfeltreffen der Blockfreien in Neu-Delhi war, suchte ich den Presseattaché unserer Botschaft auf. Diesen Posten hatte damals Rolf Breitenstein inne, vorher Redenschreiber von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Er war vom Journalismus auf FDP-Ticket in den diplomatischen Dienst gewechselt. Wir trugen ein Tennis-Match auf dem Hartplatz an der Residenz des Botschafters aus. Bevor er in Marburg studierte, hatte ich Breitenstein 1964 in der Redaktion der „Kasseler Post“ abgelöst.

Für mich wird Cricket ein Buch mit sieben Siegeln bleiben. Daran konnte auch David Sheppard nichts ändern. Als einziger Amateur wurde er für die englische Auswahl der Profis nominiert. Wir sprachen uns in einem Clubhaus oberhalb der Kreideklippen an der Südküste nahe Brighton. Damals war Sheppard noch Armenpfarrer in einem Londoner Stadtteil. Für Cricket, den Sommersport im
einstigen britischen Empire, blieb ihm keine Zeit mehr, als er zum Bischof der anglikanischen Kirche in Liverpool berufen wurde.

„Der Held auf dem Rücken des Esels“ ist der Titel eines Buches eines Schriftstellers aus Jugoslawien. Es gab ein Zusammentreffen an der Kasse im Hamburger Verlagshaus der WET. Miodrag Bulatovic wollte sein Honorar für Beiträge in der Geistigen Welt kassieren, ich holte meine bestellten Bücher ab. Darunter war auch „Der Held“, der erst Titos Zensur missfiel. Überrascht über das Interesse an seinem Roman, signierte er mir das Buch. Seinerzeit konnte die Redaktion noch vergünstigte Sammelbestellungen aufgeben.

Das müssen einige der schlimmsten Stunden meines Lebens gewesen sein. Erst
hatte sich der Abflug aus Brasilia wegen Tropen-Gewitter stündlich um 24 h verschoben. Trotzdem konnte ich den Termin für ein Gespräch mit Dom Helder Camara, dem Vorsitzenden der brasilianischen Bischofskonferenz, in Recife an der Küste Pernambucos einhalten. Auf der Fahrt vom Flugplatz zur Residenz seiner Eminenz sah ich tote Kinder am Straßenrand liegen. Sie stammten aus einer trostlosen Favela von Pfahlbauten im Brackwasser.

Was haben wir doch ein Glück mit der Wiedervereinigung! Korea ist seit 75 Jahren geteilt, es herrscht gespannte Waffenruhe am 38. Breitenkreis. Als ich Panmunjom in der gemeinsamen Sicherheitszone besuchte, trat ich mit einem Fuß wie Donald Trump später über die Demarkantionslinie. Grenzposten Südkoreas führten mich einige km davon entfernt zu einem engen Schacht in die Tiefe, wo einer der Tunnels entdeckt worden war, durch die das kommunistische Nordkorea Saboteure in den Süden schleuste.

Selten hat man eine Fußball-Mannschaft nach einer 3:7-Niederlage so ausgelassen und zu jedem Jux aufgelegt gesehen wie Eintracht Frankfurt im Mai Madrid. Vor dem Rückflug
blieb noch Zeit für einen Einkaufsbummel in der City von Glasgow. Außer Souvenirs und natürlich Whisky fanden Schottenröcke und bunt karierte Kappies regen Absatz. Alfred Pfaff, der Mannschaftsführer, kehrte erhobenen Hauptes mit einem Bowler Hat heim. Wir hatten ihn gemeinsam ausgesucht.

Bei meiner Ankunft in Seoul standen noch Traueraltäre auf dem Flughafen für die 269 Opfer der KAL 007. Die Boeing 747 war im September 1983 wegen angeblicher Verletzung ihres Luftraumes von den Russen abgeschossen worden. Auf einer Messe in Moskau kleidete ein Schweizer Freund seinen Technik-Stand mit Plakaten der Swissair aus. Als der sowjetische Außenhandelsminister vorbei kam und nach dem Grund fragte, erklärte er ihm: „Damit ihre Piloten zwischen Zivil- und Militärmaschinen unterscheiden lernen!“

Manchmal müssen Politiker zwischen Terminen auch Zeit totschlagen. So die
Bundestagspräsidentin Annemarie Renger in einem Gehege mit flugunfähigen Kiwi-Vögeln und Koalas in Neuseeland. Eigenartig berührt waren wir von der Begrüßung durch eingeborene Maoris. Sie rieben der Reihe nach ihre Nasen an den unserigen. Der Rundflug mit der Royal New Zealand Air Force über die Alpen der Südinsel musste wegen eines Defekts an einem Triebwerk mit einer Notlandung in Christchurch abgebrochen werden. #
(Fortsetzung folgt)

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1 Kommentar

  1. Alten Nordhäusern wird es warm ums Herz, wenn sie auf Stadtansichten-Nordhausen vertraute
    Bilder aus ihrer Kindheit sehen können. Wahrhaftig ein Schatzkästlein, das schöne Erinnerungen
    an die einstige Freie Reichsstadt belebt. Als Zusatz: Prof. Zwanziger. Sehr lobenswert!

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