Aus dem Leben eines Journalisten (Teil 10 )

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Nach Guyana, ehemals britische Kolonie in Südamerika, verirrt sich nur selten ein Journalist. Ich wollte Cheddi Jagan sprechen, Premier und später Präsident, bekam aber keinen Termin. Guyana galt in der Kennedy-Ära als kubanischer Ableger auf dem Subkontinent. Der Inder Jagan schwörte im vorgerückten Alter dem Sozialismus ab. Während meines Aufenthaltes in George’s Town herrschte noch eine bedrückende Atmosphäre wie in der DDR. Ein Botschafter aus Bonn, mit Alkoholproblem andernorts, war dorthin versetzt worden.

Der Irrsinn der deutschen Teilung wurde in Bonn akkreditierten Diplomaten aus der Luft vor Augen geführt. Zweimal nahm ich an Hubschrauber-Flügen an die Grenze in Bayern und an der Ostsee teil. Nach der Landung bei Mödlareuth und nahe Lübeck inspizierten wir die örtlichen Verhältnisse bei einem Landgang. Mehr als 41 Jahre lang verlief die innerdeutsche Grenze mitten durch die Ortschaft mit 40 Einwohnern im Freistaat Bayern und 24 streng bewachten auf der thüringischen Seite. Lübeck war die einzige Großstadt an der DDR-Grenze. Für den Zusammenhalt der deutschen Minderheit in Polen spielt die katholische Kirche eine wichtige Rolle. Das trifft vor allem auf Schlesien zu, wo ich in Oppeln ein langes Gespräch mit Bischof Alfons Nossol führte. Mit finanzieller Unterstützung aus der Bundesrepublik wurden Kindergärten, Altenheime und Polikliniken unterhalten. Ähnliches geschieht in Masuren. In Allenstein sprach ich mit Erzbischof Edmund Piszcz. Dort engagierten sich auf evangelischer Seite auch die Johanniter beim Aufbau von Sozialstationen. Peinlich berührt war ich in der deutschen Botschaft in Montevideo, als es nach einer Pressekonferenz, auf der mich der Botschafter vorgestellt hatte, ein Zetern und Gezerre um meine Person gab. Zwei lokale Radiostationen wollten mich für ein Interview exklusiv haben. Die eine vertrat Dr. Paul Gebhardt, dessen Sendungen sich an jüdische Emigranten aus der NS-Zeit wandten. Die andere wurde von einer Frau betrieben, deren Hörerschaft vorwiegend Deutsche mit NS-Vergangenheit waren, die nach Kriegsende 1945 nach Uruguay geflohen waren.

Ein Scoop ist die Krönung journalistischen Strebens. Als upi-Kollege Dietrich Mummendey am 17. Januar 1961 den Mord an Patrice Lumumba aus dem Kongo meldete, blockierte er die einzige Verbindung zur Außenwelt, indem er lange aus der Bibel vorlas, bis die Zeitungen in den USA Redaktionsschluss hatten. Sein AP-Kollege hatte das Nachsehen. Sonst erlebte ich durchweg kollegiale Kooperation – bis auf einen Fall, als mir ein übler Zeitgenosse auf einer Auslandsreise eine „exklusive“ Falschmeldung unterjubeln wollte. Mit den Fakten nahm es die Stasi nicht so genau. In den MfS-Akten, die von 1963 bis 1988 über mich geführt wurden, weil ich als Journalist „für eine Zusammenarbeit interessant“ sei (Oberleutnant Lange), wird die Frankfurter Dürerstraße mit doppel-r und die Bad Honnefer Böcking- als Böcklin-Straße angegeben. Ursprünglich war die Einreise zu einem Verwandten-Besuch in Nordhausen abgelehnt, aber nach meiner Moskau-Reise mit den ersten Touristen aus der Bundesrepublik im April 1963 erteilt worden.

Im Frühzug für Arbeiter um 5 Uhr von Nordhausen nach Ellrich fuhren in den späten vierziger Jahren meist mehr Grenzgänger mit. Die Zonengrenze zwischen Ellrich und Walkenried war der meist frequentierte Übergang von Ost nach West. Auf Ortsunkundige lauerten Grenzführer, die z. B. die Zeiten der Wachwechsel kannten. Mit meiner Mutter lief ich auf kürzesten Weg durch den Ellricher Tunnel. Eines Morgens fielen Schüsse, und wir drückten uns an die Wand. Nach ängstlichem Warten erreichten wir unbeschadet den Westen. Nordbrand Nordhausen, genauer gesagt die Eigner-Familie Eckes, tut Gutes – und darüber sollte man ruhig reden. Im Nordosten Brasiliens, im ärmlichen Sertao, besitzen die Eckes eine Fazienda. Dort leisten sie großzügige finanzielle Unterstützung für Kindergärten, Schulen und Hospitäler. Und in drei Bundesstaaten fördern sie Kleinbauern mit Orangenhainen. Darüber berichtete mir ein Freund, der Jahrzehnte als Korrespondent einer großen deutschen Zeitung in Rio de Janeiro lebte und sich in der Nähe der Eckes zur Ruhe gesetzt hat.

Wenn ich Sonntagsdienst im Berliner upi-Büro hatte, gehörte manchmal ein Kirchgang zu den dienstlichen Aufgaben. Jedenfalls immer dann, wenn Bischof Otto Dibelius in der Ost-Berliner Marienkirche auftrat. Seine Predigten enthielten meist politische Sprengkraft. Die Sektorengrenze war damals noch kein Hindernis. Mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands besuchte ich auch an Heiligabend 1954 einen Gottesdienst in dem mit Flüchtlingen aus der DDR überfüllten Lager in Lichterfelde.

Nach einem dringenden Anruf aus dem Kanzleramt in Bonn wurden die Rotation in den Druckorten der WELT gestoppt und schon ausgelieferte Exemplare zurückgeholt. Daran beteiligte ich mich mit Kollegen bei der Bonner Bahnhofsbuchhandlung. Der Grund: Wir hatten 1977 exklusiv über den bevorstehenden Einsatz der GSG 9 zur Befreiung der Geiseln in der entführten Lufthansa-Maschine „Landshut“ berichtet. Das hätte die Operation in Mogadischo gefährden können.

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