Aus dem Leben eines Journalisten (Teil 8)

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Nachts im Liegewagen der Bundesbahn nach Oberbayern

Der erste Urlaub von selbst verdientem Geld anno 1956. Kombiniert eine Woche auf einem Bauernhof in Ruhpolding und eine in Italien am Strande von Jesolo. Traumhafte Exkursionen nach Venedig und zum Schloss Duino, wo Rilke seine Elegien schrieb. Der nächste Ferienzug ging nach Bordighera an der italienischen Blumen-Riviera (rote Nelken für Genossen) mit Ausflügen nach Monaco und Nizza. Solche Erlebnisse wären seinerzeit mit Wohnsitz Nordhausen undenkbar gewesen.

Ehrfürchtig begegneten wir jüngeren Kollegen dem letzten Überlebenden aus der Prager Kaffeehaus-Literatur um Franz Kafka – Willy Haas. Auf abenteuerliche Weise hatte er den Zweiten Weltkrieg überstanden. Danach fand er eine neue Wirkungsstätte im Feuilleton der WELT. Dort wurde die frühere Wochenzeitung „Literarische Welt“ wieder belebt. An der Moldau hatten auch Max Brod und andere Schriftsteller zu seinem Freundeskreis gezählt. Unvergesslich, wie die gebückte Gestalt in Kamelhaar-Hausschuhen durch die Redaktion schlurfte. Towarisch Oleg Bogomolow hielt Hof, jeden Mittwoch Vormittag in der Sowjet-Botschaft in Ost-Berlin. Das Gebäude hinter Eisengittern Unter den Linden hatte im Kampf um Berlin kaum gelitten. Der Presseattaché erklärte Ende der 50er Jahre westlichen Journalisten die sowjetische Sicht zur Lage in Berlin und Deutschland. Unser upi-Büro war am Ku’damm über „Mampes Guter Stube“. Erbsensuppe gab’s beim Aschinger um die Ecke für 60 Pfg. Teuer wurde es am Stammtisch mit Auslands-korrespondenten. Wer ein halbes Streichholz zog, zahlte alles.

Die Drei-Groschen-Oper erlebte ich im wahren Leben in Mexiko und Südafrika wie auch in Russland. Nirgendwo bin ich so übers Ohr gehauen worden wie in Mexiko-Stadt bei Einkäufen von Schuhen, Kleidung, Souvenirs. Wer einem Schuhputz-Jungen aus Zeitnot auswich, bekam eine Ladung Kalk aufgespritzt. In Soweto hielt sich das Betteln noch in Grenzen. Ganz schlimm war es jedoch in St. Petersburg auf offener Straße. Man wurde von Banden Jugendlicher eingekreist, eine Hand griff in Mantel- oder Jackentasche, andere verstärkten ihre Drohgebärden.

Erzbischof Makarios, der Staatspräsident Zyperns, zeigte sich bei einem Gruppen-Interview in Nikosia recht mürrisch – trotz seiner offiziellen Anrede „Eure Glückseligkeit“. Zwar konnte er die britische Besatzung abschütteln, jedoch die Teilung der Mittelmeer-Insel in einen griechisch-zypriotischen und einen türkisch-zypriotischen Teil nicht verhindern. Anders aber als damals im geteilten Deutschland und Korea funktionierte der kleine Grenzverkehr am UN-Checkpoint Ledra/Palace in der Hauptstadt und anderen Orten.

„Über den Harz nach Hörningen“ ist eine in Nordhausen geläufige Redensart. Solch’ umständlichen Unweg musste ich nehmen, um an der Beisetzung der Urne meines Schwagers teilnehmen können. Zur Trauerfeier durfte ich nicht kommen, weil sein Sohn bei der NVA diente. Also buchte ich bei Intourist der DDR eine Autoreise nach Weimar (Hotel Elephant) und Dresden (im neuen Devisen-Hotel Bellevue) und musste wegen schlechter Wetterbedingungen auf der Rückfahrt nach Nordhausen einen Zwischenstopp in Halle einlegen. Im Marine-Museum an der Elbchaussee sind einige Exponate aus der ganzen Welt ausgestellt, die in meinem Koffer nach Hamburg kamen. Der Generalbevollmächtigte des Axel-Springer-Verlages, Peter Tamm, hatte die Auslandskorrespondenten der WELT gebeten, maritime Fundstücke in ihren Ländern zu sammeln. Bei Besuchen von Verlagsangehörigen wurden sie auf die Rückreise nach Deutschland mitgegeben. Ich kann mich an Mitbringsel aus Korea, Japan, Südafrika und Chile erinnern. Tamm schuf das größte private Marine- und Schifffahrtsmuseum. Was in Heinz Schneider steckte, ahnte keiner von uns Jugendlichen bei einer Bezirksmeisterschaft in Thüringen gegen Ende der vierziger Jahre. Der Tischtennis-Spieler vom SV Post Mühlhausen wurde letzter gesamtdeutscher, mehrfacher DDR- und international erfolgreicher Meister. Zur WM 1959 in Dortmund wollte die DDR ihn nicht ausreisen lassen. Er wandte sich an Egon Krenz und erhielt die Erlaubnis. Schlusspointe: Mit Enno von Löwenstein, Chefkommentator der WELT, wurde er deutscher Vizemeister im Herren-Doppel der Senioren. Spannende Sportereignisse belebten den tristen Alltag in der Nachkriegszeit in Nordhausen. Besonders in Erinnerung geblieben sind Wasserball-Schlachten im Hallenbad und so genannte Steher-Rennen auf der Radrennbahn. Hinter eigenartigen Motorrädern jagten die Pedalleure über die Piste. Bei Auswärtsspielen der Vorgänger von Wacker Nordhausen fuhr ich einige Male auf der offenen Ladefläche eines Ifa-Lkw mit. Die Fußball-Rivalität mit dem Eichsfeld war heftig. Schon bei der Ankunft in Uder wurden wir mit Agrarprodukten beworfen.

Zu Walpurgis 1990 auf dem Brocken: Die Sowjet-Soldaten der Abhörstation trauten ihren Augen kaum, was für ein fröhliches Volksfest sich vor ihrem Stacheldraht abspielte. Von allen Seiten des Harzes waren Hunderte auf den höchsten Gipfel des heimischen Gebirges gekommen, um das Ende des Todesstreifens der DDR zu feiern. Nordhäuser Besucher trafen sich mit Freunden und Verwandten aus dem Westharz. Mitglieder einiger Harz-Clubs in Trachten musizierten, tanzten und trieben Hexen in die Flucht.

Manfred Neuber

(Fortsetzung folgt )

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