Aus dem Leben eines Journalisten – Teil 5

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„Doh lääht dr janze Klumpatsch“, hatte ich Freunden in Nordhausen nach einem Rundflug über der Negev-Wüste auf einer Postkarte geschrieben. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 verrotteten dort abgeschossene ägyptische Panzer sowjetischer Bauart. Vorher hatte ich im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg Blut gespendet. Auf einem Kibbuz im Norden Israels mussten wir einmal wegen eines Raketen-Überfall der Hisbollah im Libanon einen Schutzkeller aufsuchen.

Die Zeit reichte nur für einen cafecito in unserem Hotel, nachdem ich dem Schriftsteller Hubert Fichte („Geschichte der Empfindlichkeit“) an der Rezeption begegnet war. Caracas lag als Zwischenstation auf seiner Erkundungsreise zu afro-brasilianischen Religionen und Voodoo auf Haiti und Vorträgen in Goethe-Instituten. Ungewöhnlich aber wahr: Ich schlug ein erbetenes Interview mit dem Präsidenten Venezuelas aus, weil es auf dem Rücksitz seiner Limousine bei der Fahrt zu Wahllokalen stattfinden sollte. Fichte starb 1986 an Aids.

Bundespräsident Theodor Heuss kam zur Eröffnung der Bundesgartenschauin Kassel 1955. Oberbürgermeister war damals Lauritz Lauritzen. Zwanzig Jahre später – er inzwischen Bundesverkehrsminister – zogen wir in das Nebenhaus Lauritzens in Bad Honnef. In Kassel hatte ich die erste „documenta“ mit Joseph Beuys und seinen Baum-Pflanzungen miterlebt und war zur Eröffnung des neuen Staatstheaters wiedergekommen. In Kassel erschienen damals noch drei Tageszeitungen.

Auf der Karibik-Insel Grenada „entdeckte“ ich vor Weihnachten 1965 den Einhand-Segler Wilfried Erdmann. Er hatte bei seiner Welt-Umseglung im Hafen von St. George’s festgemacht. Für diesen Törn als erster Deutscher benötigte er 421 Tage. Auf der Ost-West-Route 2000/01 schaffte er die Um-rundung des Globus in nur 343 Tagen. Erdmann war aus der DDR geflüchtet, war Matrose bei der Handelsmarine gewesen und hatte Nordafrika mit dem Fahrrad durchquert.

Als Schmalhans Küchenmeister war in der Nachkriegszeit in Nordhausen gehörte Schlangestehen zum Alltag – schon frühmorgens um 5 Uhr an der Frei-bank des Schlachthofes, wo es minderwertiges Fleisch ohne Marken gab. Einige Mal mussten wir mit leerem Beutel nach Hause gehen. Oder „freie Spitzen“ (ein Pfund Quark in Pergamentpapier) sowie Obst und Gemüse von noch nicht zwangskollektivierten Bauern. Symptom des DDR-Untergangs: Kaninchen vom HO für 50 M einge- und vorn im Laden für 12 M verkauft.

Wimbledon am Wochenende vor dem Turnierbeginn war immer besonders anregend. Noch kein Gedränge der Zuschauer, freier Zugang zu den Trainingsplätzen, Lunch in der Cafeteria der Spieler, weil das Presse-Restaurant noch nicht geöffnet hatte. Franzosen saßen mit ihren Frauen, Schweden mit Müttern und Babies zusammen. Am Eingang stieß ich einmal versehentlich auf Richard Williams, den Vater Serenas und Venus’. Von 1998 an konnte ich zwölf Jahre hintereinander den All England Club besuchen.

Fast hätte es mir den Kaffee-Genuss für nein ganzes Leben verdorben. In einer Bratpfanne auf dem Herd wurden rohe Kaffeebohnen geröstet. Dabei entstand beißender Rauch. Es handelte sich um eine Sonderzuteilung für eine Hebamme im Frühjahr 1945 nach den Luftangriffen auf Nordhausen. Mein Onkel Hans Schröter, ausgebombt in der Jahnstraße, fand mit seiner Familie und zwei weiteren Angehörigen vorübergehend Aufnahme in unserer Wohnung. Die Schwiegermutter, Hebamme Arndt,hatte ihr Haus in der Sangershäuser Straße verloren.

Bevor US-Millardäre, russische Oligarchen und arabische Ölmagnaten den eng-lischen Fußball aufkauften, gaben noch lokale Potentaten den Ton in den Profi-Clubs an. Mit Schlachtermeister Bob Lord an der Spitze stellte der FC Burnley das gängige Muster dar. Im Wettbewerb um den Messepokal erlebte ich 1961 bei Nieselregen im Turf Moore, wie der Hamburger Sportverein 1:3 unterlag. Das 4:1 im Rückspiel im Volkspark-Stadion brachte den HSV dann den Einzug ins Halbfinale.

Als die Goldene Kutsche am 2. Juni 1953 mit der frisch gekrönten Königin Elizabeth II. vorbeirollte, goss es in Strömen. Die Pressestelle unserer Botschaft hatte mir einen Platz auf einer Tribüne an der Ecke Green Park / Hyde Park vermittelt. Dort kam die royale Prozession erst nach stundenlangem Warten vorbei. Über Lautspecher wurde die Erstbesteigerung des Mount Everest durch den Engländer Edmund Hilary mit einem Sherpa verkündet. Das blieb in meinem Gedächtnis wie die ersten Amerikaner auf dem Mond.

Im Dutzend teurer! wurde in der WELT gespottet. So viele Chefredakteure erlebte (andere meinten „erlitt“) ich in 20 Jahren auf dem ASV-Flaggschiff. Es gab Zweier- und sogar Dreier-Konstellationen, meist mit graphischen Änderungen oder politischen Kurswechseln. Ob Zehrer, Starke, Jacobi, Schneider oder Kremp, sie alle hielten sich nicht lange. Oder es wurde einem der „Redaktionsdirektor“ Peter Boenisch, vordem „Bravo“ und „Bild“, vor die Nase gesetzt. Die Crew überstand dies und einen Bombenanschlag.

Manfred Neuber

(Fortsetzung folgt)

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