Aus dem Leben eines Journalisten – Teil 2

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– Ein gebürtiger Nordhäuser erinnert sich –

Im Anschluss an unser Interview mit dem aus Nordhausen stammenden Journalisten Manfred Neuber veröffentlichten wir Erinnerungen aus seinem
Berufsleben. Heute eine Fortsetzung in „Schnappschüssen“.

Ein Nordhäuser Mitschüler aus der Nachkriegszeit durfte in der DDR Jura studieren, obwohl Horst Kuntzes Vater stellvertretender Direktor der Mittelwerke zur Rüstungsproduktion im Kohnstein war. Anderen wurde dies wegen ihrer bürgerlichen Herkunft verwehrt. Von der Humboldt-Oberschule aus politischen Gründen verwiesen wurden Manfred Schröter, erster OB nach dem Sturz der SED-Diktatur, und weitere dieses Jahrgangs. Sie fanden Genugtuung nach der Wiedervereinigung als „verfolgte Schüler“.

Es mutete wie ein Geisterflug an, als ich im März 1982 mit der US-Fluglinie Braniff von Miami über Lima nach Santiago de Chile mit nur drei Passagieren und sechs Stewardessen an Bord der ganz in Blau lackierten DC-8 schwebte. Im Mai ging das Unternehmen in Dallas/Texas Bankrott. Ich war von der WELT nach Ausbruch des Falkland-Krieges mit Großbritannien nach Buenos Aires
beordert worden. Vor dem Hauptpostamt stand ich in der Schlange für die neuen Briefmarken mit „Las Malvinas son Argentinas“. Nicht lange!

Im kleinen Grenzverkehr, von der DDR ab 1972 nur in östliche Richtung zugestanden, fuhr ich meine Mutter öfters von Bad Lauterberg nach Nordhausen. Am Übergang bei Worbis wurde ich nach Arbeitgeber und Tätigkeit befragt. „Die WELT, außenpolitische Redaktion.“ – „Da hamse auch mit der DDR zu tun?“ – „Nein, die liegt in Deutschland und fällt unter Innenpolitik!“ Damit
hatte ich mir verschärfte Kontrollen eingehandelt. „Wieso Klopapier?“ – „Weil das ‚Neue Deutschland“ für diesen Zweck zu schade wäre.“

Der britische Premierminister Edward Heath war ein überzeugter Europäer und führte das Vereinigte Königreich in die EU. Ich lernte den versierten Hochsee-Segler und Organisten bei einem Hintergrund-Gespräch in Whitehall kennen. Zu dieser Ehre kam ich, weil unser Londoner Korrespondent im Sommer 1972 die Berichterstattung über die Olympischen Spiele in München koordinierte. Unsere Töchter studierten und lebten lange in London und Edinburgh, bis der unsägliche Brexit sie wieder nach Deutschland brachte.

Bürokraten sind mir ein Greul. Sie saßen im Bundespresseamt, als ich die Redaktion von Inter Nationes in Bonn leitete, Mittlerorganisation der auswärtigen Kulturpolitik. Im vorauseilenden Gehorsam unter Kohl zensierten sie manchmal Berichte, wenn darin die Namen Biedenkopf, Geissler, Späth oder Süßmuth vorkamen. Auch ein Interview, das ich mit Rüdiger von Wechmar (FDP), früher upi-Kollege und pikanterweise Chef des Bundespresseamtes, vor einer Europa-Wahl führte, verstieß angeblich gegen Fristen und wurde gekillt.

Das hatte es noch nicht gegeben: Deutsche Panzer rollten auf britischem Boden. Das geschah im Frühjahr 1960, vom Verladehafen bei Pembroke in Wales zum Truppen-Übungsplatz Castlemartin. Herangekarrte Demonstranten wurden von der einheimischen Bevölkerung übertönt: „Lasst unsere Panzers in Ruhe!“ wie ich dort miterlebte. Ein Lauterberger Klassenkamerad war damals Militärattaché in London. Im Generalsrang führte Otto Hegner ein späteres Kontingent der Bundeswehr zu Schießübungen auf der britischen Insel.

Bei einem Exklusivinterview mit dem mexikanischen Präsidenten Luis Echeveria wurde überraschend sein etwa zehn Jahre alter Sohn hinzugezogen. Er hatte ein Internat bei Hildesheim besucht und sollte nun mit seinen Deutsch-Kenntnissen glänzen. Auf dem Rückflug traf mich Montezumas Rache. Der Leibarzt des Bundespräsidenten packte mich auf Walter Scheels Bett und gab mir eine Spritze. Am Rollfeld des Luftwaffe-Flughafens Wahn wartete ein Krankenwagen der Uni-Klinik Bonn, aber ich konnte nach Hause gebracht werden.

Im Urlaub auf Madeira besuchte ich 1960 einen Methusalem der Diplomatie. Der deutsche Konsul dort hatte schon dem Kaiser-Reich, der Weimarer Republik und dem Dritten Reich gedient. Beim Zwischenstop in Lissabon auf dem Rückflug überließ mir das upi-Büro die Einladung zum fünfzigjährigen Bestehen des Fußball-Verbandes Portugals mit einem Jubiläumsspiel im Benfica-Stadion. Bei den mehrtägigen Feiern führte ein Ausflug ins Alentejo mit portugiesischem Stierkampf ohne Todesstoß.

Pressetermine der Autoindustrie zur Vorstellung neuer Modelle boten immer willkommene Abwechslung. So mit Porsche in der Algarve, Peugeot an der Riviera, Citroen im Burgund, Renault in Deauville, Audi in Biarritz, VW in Spanien, Ford in England und an Schlosshotels in Deutschland. Im Autodrome von Michelin in Clermond-Ferrand war ich Co-Pilot in einem Rennwagen. Bei Nissan in Köln schleuderte mich der finnische Rallye-Weltmeister Rauno Aaltonen in einem Mini um die Pfeiler im Oberdeck einer Messehalle.

Bei Reisespesen und sozialen Leistungen war der Axel Springer Verlag immer sehr großzügig.Dennoch bemühte ich mich stets, sparsam zu sein. Auf der ersten Südamerika-Reise konnte ich bei unseren freien Mitarbeitern, alle deutsche Juden, die vor der NS-Diktatur geflüchtet waren, in Rio de Janeiro, Montevideo, Buenos Aires und Vina del Mar (Chile) auf Feldbetten nächtigen. In Hongkong quartierte ich mich preiswert beim CVJM mit Gemeinschaftsdusche ein, ging aber zum 5 O’clock Tea ins nahe Luxushotel Mandarin Oriental.

Manfred Neuber
(Fortsetzung folgt)

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