Auf den Panzerschleppern lag begehrte Beute -Teil 1

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Von den Amerikanern klang Swing auf den Bahnhofsplatz –

Am Tage, als die Amerikaner in Nordhausen einrückten, waren für uns der Zweite Weltkrieg und das „Dritte Reich“ endlich zu Ende. Kampftruppen der 3. Panzer-Division richteten sich im Bahnhofsviertel ein. In der nahen Reichsstraße wurden Panzer-Schlepper abgestellt. Solche Ungetüme – mehrachsige Tieflader mit riesigen Reifen – transportierten Sherman-Tanks. Schon nach wenigen Tagen, so schien es uns, bewegten sich die GIs lässig und völlig sorglos. Aus ihren Quartieren in den Hotels am Bahnhofsplatz drang beschwingte Musik – In the Mood . . .

Während die Luftschutz-Sirenen verstummt waren, aber noch Blindgänger in der zerstörten Altstadt hochgingen, sahen wir im April 1945 am meist blauen Himmel noch tagelang große Formationen silbern glänzender Flugzeuge ostwärts fliegen. Wo mochten sie ihre Bombenlast kurz vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands abwerfen? Den Alliierten waren zuletzt lohnende Ziele ausgegangen. In der ehemals Freien Reichsstadt schwelten noch Brandherde, zog beißender Rauch über die Trümmer.

Erschreckend der Anblick verkohlter Arme, die aus eingestürzten Häusern ragten.
Die ersten Amerikaner, die mit Stahlhelm und vorgehaltener Waffe das Mietshaus des Malermeisters Wackes durchstreiften, fanden die Hausbewohner bei schönem Wetter im Hofe. Wonach sie suchten, was sie fragten, davon hatte ich als damals Zehnjähriger keine Ahnung. In Erinnerung geblieben ist jedoch, dass die ängstliche Spannung der Erwachsenen schnell wich. Aus der Brieftasche des Mitbewohners Hermann Vetter, dessen Familie am Frauenberg ausgebombt worden war, fischte ein GI ein vergilbtes Foto eines Doppeldeckers, das die Besatzer belustigt ansahen.

Vetter hatte als Verwundeter vor Kriegsende die Heimat erreicht. Trotz eines amputierten Beins ging er gleich nach den Luftangriffen am 3. und 4. April daran, das beschädigte Dach des Hauses Reichsstraße 26a auszubessern. Ich half ihm dabei, indem ich Ziegeln durch die Sprossen nach oben reichte. Der völlig aus den Fugen geratene Alltag verdrängte wohl die Gedanken daran, dass eine
Oma, die in der Blödaustraße in der Oberstadt gewohnt hatte, durch eine Luftmine im Schutzkeller der Gaststätte Keglerheim ums Leben gekommen war. Marie Schröter ist in einem Massengrab beigesetzt worden.

Um die Ecke, in der Moltkestraße, hatte sich eine andere Tragödie abgespielt.
Albert Dietrich, ein Bruder meiner anderen Oma, war nach dem Luftalarm aus dem Keller nach oben gegangen, um noch etwas zu holen. Das Haus erhielt einen Volltreffer. Der Verwandte wurde an einer Seitenwand zum Nachbarhaus eingeklemmt. Alle Versuche, ihn zu retten, blieben vergeblich – oder
mussten aufgegeben werden, weil die Wand einzustürzen drohte und die Helfer wegen dieser Gefahr nicht an ihn herankommen konnten.

Manfred Neuber

…lesen Sie demnächst wie es weiterging…

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