Auf den Panzerschleppern lag begehrte Beute – Teil 2

0

Für mich als Schüler war der Einzug der Amerikaner eine doppelte Befreiung:

Nun musste ich nicht zu den Pimpfen! Die gebrüllten Kommandos, das stumpfsinnige Exerzieren auf dem Kaiserplatz hatte ich mit Schulfreunden von sicherer Warte aus beobachtet – hinter hohem Zaun von Bretterstapeln auf dem Gelände des Sägewerks Rathsfeld. Auch wichen die Albträume von der Mutprobe (Sprung vom Zehn-Meter-Turm) vor der Aufnahme in eine Napola, in die mich Bekannte meiner Eltern, überzeugte Parteigenossen, drängen wollten.

Stattdessen spielten wir Treibball in der Reichsstraße mit alten, ausgefransten Tennis- oder schmerzhaft harten Lederbällen mit derben Nähten, wie sie die Amis beim Baseball warfen. Wir zielten darauf ab, den Ball möglichst hinter dem Führerhaus eines Panzerschleppers unterzubringen. Wer den Ball dann holte, kam meistens mit gefüllten Hosentaschen zurück. In großen Holzkisten bewahrten die GIs eiserne Rationen in Dosen auf. So kamen wir auf diebische Weise zu Keksen und Schokolade, Milch- und Vitaminpulver sowie dem begehrten Kaugummi.
Ganz legal lief ein Tauschgeschäft in unserer Wohnstube ab: meine Hitler- Briefmarken gegen Kaffee, Tee, Zigaretten und anderen amerikanischen Proviant. Meine ältere Schwester erprobte ihr Schulenglisch mit einem Amerikaner, ein deutschstämmiger Familienvater aus Chikago, in großer Runde mit den Eltern, während unsere Mutter zum gemeinsamen Tee aus einem Versteck im Wäscheschrank eine Tüte Friwi-Plätzchen holte. Die hatte der Kiepen-Mann aus Stolberg jede Woche im Treppenhaus verkauft.

Bis die neue Polizeibehörde ein striktes Plünderungsverbot erließ, waren viele Nordhäuser von dem Rausch erfasst, aus zerbombten Lagerhallen und unversehrten Kellerbeständen alles Brauchbare „zu organisieren“. Trampelpfade führten über die Trümmer zu den Kostbarkeiten: Obstkonserven aus der Marmeladenfabrik Friedrich an der Halleschen Straße, große Blechdosen mit Eidotter aus der Brauerei am Taschenberg.

Handgreiflich ging es manchmal in den Lagern der Kautabakfabriken zu. Aus großen Fässern in einem Keller in der Fabrikstraße wurde Sirup gezapft. Eine Frau versuchte sich vorzudrängen. Ein Mann nahm ihr den kleinen Wassereimer aus der Hand, ließ ihn voll laufen und stülpte ihn über ihren Kopf. Das Entsetzen der Umstehenden habe ich noch heute vor Augen. An der Kasseler Straße, gegenüber dem Sägewerk Schmalz, balgten sich Leute um Tabakballen. Ich schleppte einige Lagen gepresster,
goldgelber Blätter nach Hause, musste sie auf Geheiß der Mutter aber wieder abliefern. Wir mussten besonders vorsichtig sein, da am 5. Mai mein Vater im früheren Lager Dora inhaftiert worden war.

Weil er als Ingenieur bei der Mabag tätig war, ein Zulieferer für die V-Waffen-Produktion im Kohnstein? Angsterfüllt verbrannte meine Mutter im Küchenherd den Stammbaum der Ahnenforschung, die über mehrere Jahrhunderte zurückreichte.

Bevor die Amerikaner im Juli 1945 nach dem Beschluss von Jalta Thüringen der Roten Armee überließen, wurden die Insassen des Lagers Dora zur demokratischen Re-education nach Westen verlegt. In einem Lager bei Karlsruhe traf mein Vater mit Dr. Herbert Meyer zusammen. Der letzte Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen vor dem Zusammenbruch hatte sein Elternhaus in Bad Lauterberg im Harz, damals britische Besatzungszone. Dorthin liessen sich beide entlassen – mein Vater schon nach Monaten, weil unbelastet, der OB nach fast drei Jahren Lagerhaft, weil als NS-Amtsträger schuldig. In Nordhausen – inzwischen in der sowjetischen Besatzungszone – hätte meinen Vater vermutlich das ungewisse Schicksal erwartet, wie viele Techniker des Raketenbaus in die Sowjetunion verschleppt zu werden.

Manfred Neuber

zurück zu Teil 1

Share.

Leave A Reply

*