Als die rote Armee in Nordhausen einrückte……

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Am Tage als die Russen im Juli 1945 in Nordhausen einzogen, gingen die zwölf Jahre der braunen NS-Diktatur nach kurzem Interregnum unter amerikanischer Besatzung in ein rotes Unrechtsregime über, das bis zur friedlichen Revolution 1989 andauerte. Manfred Neuber erinnert sich…

Angst und Furcht herrschten – so die Wahrnehmung des damals Zehnjährigen – in der Familie und weit verbreitet in der Bevölkerung. Wirkte die NS-Propaganda nach? Oder lag es an Schreckensmeldungen über unrühmliche Vorfälle beim Vormarsch der von nun an als „ruhmreich“ gepriesenen Roten Armee?

Als Befreier wurden die Sowjet-Soldaten wohl nur von wenigen Einwohnern empfunden. Zu ihnen gehörten Opportunisten der Stunde Null, die – wie es im Volksmund heißt – ihr Mäntelchen nach dem Winde drehten. Andere machten sich hinter vorgehaltener Hand darüber lustig, welch’ armseligen Eindruck die Kolonne von Panje-Wagen in der Halleschen Straße hinterlassen hatte.

Sobald die Kommandantur im Landratsamt und der Geheimdienst NKWD in der Oberstadt (Karolingerstrasse 18) etabliert waren, gab es nichts mehr zu lachen.
Willkür und Verfolgung auch politisch unbelasteter Bürger setzten ein. „Neue Angst breitet sich aus“, schrieb Heimatforscher Peter Kuhlbrodt in seiner Chronik „Schicksalsjahr 1945“ des Stadtarchivs unter dem 24. Juli 1945, als mehrere prominente Nordhäuser in den Kellern der sowjetischen Geheimpolizei verschwanden. Zu ihnen zählte der Architekt Ernst Rathsfeld, Vater eines Schulfreundes, weil seinem Sägewerk in der Uferstrasse überwiegend Fremdarbeiter zugeteilt waren. Rathsfeld starb Monate später in der UdSSR.

In der ersten Zeit der Besatzung trauten sich viele Frauen nicht auf die Straße. Ob Vergewaltigungen nur gerüchteweise oder tatsächlich vorkamen, darüber gab kein Polizeibericht verlässlich Auskunft. Wie ihre Freundinnen verwandelte sich meine 13 Jahre ältere Stiefschwester äußerlich in einen Burschen. Der kurze Bubikopf wurde durch einen Seitenscheitel zur Männerfrisur. Trotz warmer Sommertage trugen sie dicke Trainingshosen unter weiten Hemdblusen. Dazu noch eine alte Nickelbrille, so hofften sie, ein feminines Erscheinungsbild zu verleugnen.

„Wir grüßen die siegreiche Rote Armee“, hatten Nachbarn auf einem Transparent über die Straße gespannt, erinnerte sich Hildegard Koch in der Chronik.
„Dann hörten wir Hilfeschreie der Frauen von nebenan. Wieder lebten wir nun in Angst, immer wieder floh ich mit meinem kleinen Mädchen auf den obersten Boden und zog die Leiter hoch.“ Aktenkundig werden Übergriffe sowjetischer Soldaten, als Oberbürgermeister und Landrat Dr. Schultes auf der Rückfahrt von Erfurt im Pkw beschossen wird und der Bahnhof Nordhausen häufige Einbrüche mit Waffengewalt bei der Güterabfertigung der Kommandantur meldet.

Mit meinen Schulfreunden erlebte ich den Sommer 1945 als lange Abenteuerferien. Wir spielten an der Zorge und mit einem selbst gebastelten Floß auf einem Baggersee. Wir gingen auf abgeernteten Feldern „stoppeln“ (Ähren und Kartoffeln sammeln), wir klaubten Zuckerrüben von Ackerwagen, die zum Kornhaus rollten, um im Kupferkessel der Waschküche mühsam Sirup zu kochen. Wir holten Balken und Dachlatten mit dem Bollerwagen aus den Trümmern, sägten sie im Hof zu Brennholz für den nächsten Winter, angelten später Treibholz aus der Zorge.

Sobald der Unterricht an der Heinrich-Mittelschule im Herbst begann, hörte das Vagabundieren auf. Wem der Magen knurrte bei den kargen Lebensmittel-Rationen, der freute sich auf die großen Graubrötchen, die in den Klassen verteilt wurden. Meine Mutter zog mit mir einige Male zu Kerstings Mühle, um noch original verpackte Bett- und Tischwäsche gegen Brot und Mehl einzutauschen.

Auch unser großer Bücherschrank leerte sich zusehends – irgendwie musste Geld beschafft werden, nachdem die Amerikaner meinen Vater mitgenommen hatten, weil Ingenieur in der Mabag, Zulieferbetrieb für die V-Waffen-Produktion im Kohnstein. So verschwand auch das Schifferklavier der Schwester im Tauschhandel. Der Schulchor verhalf im folgenden Jahr zu einer frühen „Bühnenkarriere“ und der ersten stolz nach Hause gebrachten Gage in Reichsmark. In der „Harmonie“ an der Promenade, wo das ausgebombte Stadttheater seinen Spielbetrieb wieder aufgenommen hatte, sangen wir im Schauspiel „Flaxmann als Erzieher“ hinter den Kulissen „Änchen von Tharau“. Im Nachhinein erstaunlich, dass bei dem Volkslied aus Ostpreußen keine „revanchistischen Umtriebe“ unterstellt wurden.

Manfred Neuber

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