Als die rote Armee in Nordhausen einrückte … Teil 2

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Vom Rektor untersagt wurde freilich unserer Arbeitsgemeinschaft im Geschichtsunterricht, ein Laienspiel über den Freiheitskampf der Geusen in den Niederlanden gegen die Spanier in der Aula aufzuführen. Mit Begeisterung sprangen wir als Pucks Begleiter in Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf der Freilichtbühne am Lindenhof zur Musik Mendelsohn-
Bartoldys vom schnarrenden Plattenspieler. Etwas gruselig war der Heimweg spätabends durch die Trümmer des Stadtzentrums bis in die Unterstadt. In der romantischen Umgebung des Geheges – damals stand noch die berühmte Merwigs-Linde – durfte ich auch als Zwerg bei „Schneewittchen“ mitwirken.

Schräg gegenüber vom Harzquerbahnhof, an der Ecke Bahnhofsplatz/Reichsstraße, hatten die Russen im Hotel ein Offizierskasino eingerichtet. Zu Martini 1946 – der Märtensohmd wurde früher in Nordhausen groß gefeiert – hatte ich Schulfreunde eingeladen; denn es war mein zwölfter Geburtstag. Nach Malzkaffee und Kuchen gab es ein selbst gefertigtes Feuerwerk aus mit Unkraut-Ex getränkten Löschblättern, die getrocknet, mit Papier gefaltet und Draht zu Knallfröschen gedreht waren.

Unbekümmert fingen wir vor dem Hause Reichsstraße 26a in der Dämmerung an, einen nach dem anderen anzuzünden. Von der harmlosen Knallerei aufgescheucht, tauchten laut fluchende uniformierte Gestalten aus Richtung des Offizierskasinos auf. Zu unserem Glück fand keine Razzia statt, die Besatzer argwöhnten keinen Widerstandsakt. Nähere „Bekanntschaft“ mit Russen machte ich an der „grünen Grenze“, in beiden Fällen mit glimpflichem Ausgang.

Beim ersten Male im Sommer 1946 versuchte meine Mutter mit mir und einer älteren Dame von Branderode aus die Straße zwischen Neuhof und Tettenborn im Westen zu erreichen. Plötzlich tauchte auf dem Acker ein Soldat mit Käppi, oliv farbenem Umhang und Maschinenpistole auf. Der redegewandten Rheinländerin gelang es, den Russen dazu zu bewegen, uns passieren zu lassen, indem sie ihm ihre goldene Armbanduhr für seine Babuschka überließ.

Spannender verlief die Festnahme im folgenden Jahr. Frühmorgens war ich mit dem „Wüstenschiff“, einem alten Omnibus mit Tarnbemalung, von Nordhausen nach Mackenrode gefahren, um meinem Vater in Bad Lauterberg einen Wintermantel zu bringen. Den packte ich beim Schmied in der Ortsmitte in eine Kiepe und ging in dessen Garten, der sich den Hang hinauf zur Grenze zog, in Richtung Tettenborn. Wenige Meter vor der Demarkationslinie kam aus einem Gebüsch der Ruf Stoj! Die russischen Grenzposten hatten schon mehrere Leute gestellt, die an einer Böschung zusammengekauert hockten.

Alle verhinderten Grenzgänger wurden durch Mackenrode zur Kommandantur am Ortsausgang in Richtung Nüxei abgeführt, auf einen offenen Militär-Lkw getrieben und nach Lüderode-Weißenborn gefahren. Im Keller eines düsteren Gebäudes verbrachte ich mit anderen die Nacht, wurde jedoch am nächsten Morgen freigelassen und konnte mit der Reichsbahn nach Nordhausen zurückfahren.

Dennoch machten wir es der Neulehrerin im Russisch-Unterricht schwer. So kam ich im nächsten Zeugnis zum einzigen Verweis meiner Schulzeit. Im späteren Leben bereute ich das kollektiv aufsässige Verhalten gegenüber der Sprache der Besatzungsmacht. So 1964 bei der ersten Touristenreise aus der Bundesrepublik nach Moskau, so bei Besuchen in St. Petersburg, Wolgograd, Kiew, Odessa, Omsk und Sibirien als Journalist mit Regierungsdelegationen aus Bonn. Der Wohlklang der russischen Sprache verbindet sich für mich mit den Worten für Eisenbahn.. . In der Nachkriegszeit dachte man dabei in Nordhausen an die Demontage der Schienen.

Meine Schulfreunde und ich waren die Jungspunde beim Tischtennis. Mit uns standen an der Platte ehemalige Kriegsgefangene, die in den USA mit Ping-Pong die Zeit totgeschlagen hatten, aber auch ein Angehöriger des National-komitees „Freies Deutschland“ in der Sowjetunion, der uns von „Negermusik“, nämlich Jazz, abhalten wollte. Trainiert wurde in einem Saal in der Loge neben dem Dom, zeitweise auch in einem Schützenhaus bei Salza. Im Winter brachte jeder ein Brikett oder ein Stück Holz mit, so dass der Kanonenofen beheizt werden konnte.

Eine schwere Enttäuschung meines jungen Lebens erfuhr ich nahe der Kläranstalt am Ortsausgang nach Bielen. Am Hause von Bekannten durften wir ein Stück Land urbar machen. Es war eine furchtbare Schinderei mit der Spitzhacke. Als der Boden im zweiten Jahr einen bescheidenen Ertrag für unsere Küche abgab, wurde uns gekündigt.

So endete die Zigaretten-Herstellung eines 13-jährigen. Ich hatte auch Tabak angebaut, die höchst zulässige Anzahl von drei Dutzend Stauden. Die geernteten Blätter wurden zu Hause auf dem Dachboden getrocknet, dann fermentiert und zu Krüll geschnitten. Mit Zigarettenpapier konnten Glimmstängel gerollt werden. In alte Blechschachteln gelegt, dienten sie als Tauschware bei „Hamsterfahrten“ mit dem Fahrrad nach Uthleben und Hamma.

Die Qualität soll nach Meinung von Kettenrauchern nicht übel gewesen sein. Selber mochte ich sie nicht probieren; denn ich hatte seit dem Frühjahr 1945 nie
wieder geraucht. Damals qualmten wir Schuljungen heimlich unter einer Zorge-Brücke eine Ami – mit schlimmen Folgen. Aber die schmucken Packungen
der Chesterfield und Lucky Strike blieben in Erinnerung.
Auch unter sowjetischer Besatzung waren diese Marken, beschafft auf dem Schwarzmarkt am Grenzbahnhof Walkenried (Hauptumsatz: Textilien aus Sachsen gegen Salzheringe aus Bremerhaven) noch eine Zeitlang eine „harte Währung“ in Nordhausen.

Manfred Neuber

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