Als der Zigarren-Verkäufer die Straßen kehren musste

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– Erinnerungen an die Kindheit in Nordhausen während des Krieges –

Eine Kindheit in Nordhausen – in den Jahren von 1934 bis 1950 – wird mit fortschreitendem Alter in der Erinnerung immer lebendiger. Vor allem wenn es sich um herausragende Ereignisse und prägende Erlebnisse handelt. Als die ehemals Freie Reichsstadt zu Ostern 1945 in den Trümmern des wahnwitzigen „Tausendjährigen Reiches“ versank, ging in Nordhusia auch der Bürgerstolz früherer Generationen verloren. Zumindest schwingt dieser Eindruck in der Rückschau mit. Die folgenden Schilderungen stellen keine Chronik dar, sondern sind nur wach gerufene Begebenheiten aus schicksalsschwerer Vergangenheit.

Seitlings auf dem Mifa-Fahrrad meines Vaters ging die Fahrt sonntagmorgens im Sommer oft zum Schießstand am Schurzfell. Als Angehöriger der Marine-Kameradschaft – im Ersten Weltkrieg hatte er als 20-jähriger auf einem Torpedoboot die Skagerrak-Schlacht überlebt – nahm er am Übungsschießen teil. Leere Hülsen von Kleinkaliber-Patronen wurden meine Beute. Stolz trug der damals Sechsjährige einen Matrosen-Anzug, schwäbische Strickware von Bleyle.

Wenn meine Spielzeug-Eisenbahn nach Geburts- und Festtagen in der Guten Stube in der Wohnung Reichsstrasse 26 a, I. Etage links, noch aufgebaut war, schepperten die Messinghülsen auf kleinen Waggons im Kreis. Der Wellen-sittich durfte aus dem Vogelbauer raus und mitfahren. Draußen am Bahnhof standen schon die Parolen: „Räder müssen rollen für den Sieg! Unnötige Reisen verlängern den Krieg!“

Irgendwie faszinierte uns Jungen zu Anfang der vierziger Jahre die Eisenbahn.
Damals gab es noch Bahnsteig-Karten wohl für einen Groschen, wenn ver-wandtschaftlicher Besuch abgeholt oder wieder zum Zuge gebracht wurde. Ohne einen Pfennig zu berappen standen wir auf der Zeppelin-Brücke, die in Richtung Flugplatz führte, mitten drin in Dampf- und Rauchschwaden der unter uns dahin rollenden Lokomotiven. Übrigens, ich war erblich „vorbelastet“: ein Großvater (im Eiswinter 1927 im Dienst tödlich verunglückt) war Ober-Lokomotivführer auf der Eilzug-Strecke Halle – Nordhausen – Kassel.

An die Harzquerbahn kamen wir näher heran. Die Familie eines Mitschülers wohnte in der Mansarde im Gebäude des Harzquerbahnhofs; sein Vater fuhr als Heizer mit dem „Quirl“ auf der Schmalspur nach Wernigerode. Wenn wir spielend um den Häuserblock rannten, wollte jeder die 21 sein. Denn das war die modernste Lokomotive. Weniger beliebt alte Modelle mit den Nummern 11, 12, 13. Auf unsere Frage, weshalb eine Lücke in der Nummerierung bis zur bestaunten 21 bestand, bekamen wir allen Ernstes zur Antwort: Die haben die Juden gestohlen!

Die Nähe zum Bahnhof der Reichsbahn brachte es mit sich, dass meine Mutter in den Kriegsjahren zeitweise kaum Schlaf fand. Bis spät in die Nacht wurde auf dem Herd und in der Grude unserer Küche heißes Wasser für Früchtetee gekocht, der in großen Kannen und Einweck-Kübeln zu den Zügen mit Evakuier-ten aus bombardierten Städten oder mit Verwundeten von der Ostfront geschleppt wurde. Das Deutsche Rote Kreuz und die NS-Frauenschaft arbeiteten bei diesen Einsätzen Hand in Hand. Weil meine Mutter keinen Sohn im „wehrfähigen Alter“ und somit an der Front hatte, half sie an vielen Tagen auch stundenlang beim Kartoffelschälen im Lazarett am Weinberg.

Währenddessen konnte ich in der Backstube meines Patenonkels Hans – die moderne Bäckerei und Konditorei Schröter an der Ecke Jahn-/ Hohekreuzstrasse wurde 1945 durch Bomben zerstört – helfen. Mit einer Bürste aus einem Wasserbottich strich ich Glanz auf die Drei- und Vier-Pfund-Brote, wenn sie duftend aus dem Backofen kamen. Manchmal holte ich mir eine Blase an der heißen Kruste. Wann immer Bestellungen (Torten) in die Nachbarschaft zu bringen waren, zog ich meine Pepita-Hose zur weißen Bäcker-Jacke an, trug stolz eine hohe Mütze. Mein Lohn für das Austragen und das Aufkleben von Brotmarken auf alten Zeitungen war eine Tüte voller Kuchenränder.
Von dem Spielzeug, das zu Beginn der Kriegszeit noch in den Handel kam, schenkte mir eine Tante aus dem Spielwaren-Geschäft Sachse in der Rautenstrasse das Neueste. So nahm die Zahl meiner Märklin-Baukästen zu, und ich bekam außer Spielzeug-Soldaten den „Führer“ mit zum Deutschen Gruß erhobenem Arm, den italienischen Duce auf einem Schimmel sowie Spaniens kleinen Caudillo Franco. Besonders beliebt waren aber Räuchermännchen, die ein Häuflein hinterließen.

So lange die Panzer an der Ostfront vorwärts rollten, steckten wir Schüler bunte Stecknadeln auf den Landkarten bis tief in den Kaukasus. Nach Stalingrad ließ das Interesse jäh nach. Umso mehr Aufmerksamkeit erheischte der Drahtfunk. Mit stereotypen Worten wurde die Bevölkerung vor in den Luftraum über dem Reichsgebiet eingedrungenen feindlichen Bombern gewarnt. Über Briefmarken-Sammeln gingen Fotos mit Autogrammen von Ritterkreuzträgern, U-Boot-Kom-mandanten und gefeierten Jagdfliegern. „Mein“ Marschall Carl Gustav von Mannerheim – aus Finnland bekam ich sein signiertes Bild im Format DIN A 5 – stand nicht so hoch im Kurs.

Fortsetzung folgt….hier geht es zum Teil 2

Text : Manfred Neuber

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