Als der Zigarren-Verkäufer die Strassen kehren musste – Teil 2

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Zu den düsteren Empfindungen meiner Kindheit gehört der Anblick eines jungen, schlanken Mannes mit schwarzem Haar und gelbem Davidstern auf seinem Jackett, der in der Unterstadt die Straßen kehrte. War er nicht derselbe Nordhäuser, der noch vor kurzem in einem kleinen Tabakladen meinem Vater jede Woche die Sonntagszigarre verkauft hatte? Warum durfte ich das in Staniol-Folie eingewickelte Stück Schokolade nicht aufheben, das mir eine freundliche Mitbewohnerin im Hause Bahnhofstraße 19a auf den Hof geworfen hatte, wenn ich meiner Mutter beim Wäscheaufhängen die Klammern zureichte? War die Frau am Fenster die Witwe des Geheimrats Speer?

Nachdem wir in die Reichsstraße umgezogen waren, erlebte ich Jahre danach, wie meine Eltern durch einen Spalt zwischen Vorhang und Gardine auf eine Kolonne Nordhäuser Juden herab schauten, die vom Siechenhof zum Bahnhof – Endstation Auschwitz? – getrieben wurden. Meine 13 Jahre ältere Stiefschwester Ursula, zu dieser Zeit als Wehrmachtshelferin aus der Nortag nach Belgien geschickt, soll bereits nach dem Brand der Synagoge am Pferdemarkt nach dem 9. November 1938 sich kritisch zur Juden-Verfolgung unter dem NS-Regime geäußert haben. Mit 21 Jahren volljährig geworden, lehnte sie – daran kann ich mich gut erinnern – bei einem Heimaturlaub die Unterschrift unter den schon ausgefüllten Aufnahmeantrag in die NSDAP ab.

Als Kurt Masur kurz vor Weihnachten 2010 in der Bonner Beethoven-Halle die
Neunte dirigierte, wurde mir bei Schillers Schlusschor „Ode an die Freude“ be-wußt, dass der Ausruf „Alle Menschen werden Brüder“ wohl die schönsten Worte in deutscher Sprache sind. Doch schlimme Schatten deutscher Vergangenheit überfielen mich. Vor meinem geistigen Auge zogen bittere Momente vorbei: als ich mit Bonner Regierungsvertretern vor den Öfen im Krematorium in Auschwitz stand, als ich mit der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages zu einem Gedenktag das Ghetto in Wilna (Litauen) besuchte und wie ich im „Tal der Gemeinden“ an der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem den Namen Nordhausen und ein Dutzend andere aus dem Südharz im Gestein eingemeißelt sah.

Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre unternahm mein Vater mit mir bei gutem Wetter gern Radtouren, bei denen wir Fallobst an der Chaussee nach Leimbach und Petersdorf, Pilze im Forst Alter Stolberg sowie Schafsköttelchen (aufgelöst als Dünger für den Schrebergarten) an der Helme nahe Steinbrücken sammelten. Etwas Besonderes waren Fahrten an schönen Wochenenden mit der Reichsbahn nach Bad Sachsa zum Schmelzteich und Märchengrund sowie mit der Harzquerbahn nach Netzkater oder Benneckenstein. Sehe ich mir heute die Fotos an, so gleichen sie Bildern von Carl Spitzweg und der Werbung für däni-sches Carlsberg-Bier – das Familienoberhaupt mit Stock ein paar Schritte der Familie voran. Bis das Ausflugslokal auf dem Kohnstein geschlossen wurde, fielen dort für Groschen bunte Blechfiguren mit Schokolade aus einem gussei-sernen Automaten.

Unterhalb dieses Biergartens mussten bald darauf KZ-Häftlinge des Lagers Dora
in den Stollen bei der so genannten V-Waffen-Produktion schuften. Schwer bewachte Kolonnen dieser Gefangenen sahen wir auf unserem Schulweg in der Grimmelallee, die damals einen Nazi-Namen trug. Mit anderen Häftlingen waren „Badoglio-Italiener“ (der greise Marschall Pietro Badoglio putschte 1943 gegen Mussolini, vorher verbündete italienische Truppen wurden von der Wehrmacht entwaffnet und gefangen genommen) in abgewetzten hellgrauen Uniformen im Sägewerk Rathsfeld an der Uferstrafe eingesetzt.

Der Lagerplatz mit den hoch aufgeschichteten Brettern und den Loren auf den Gleisen über das ganze Gelände war unser beliebtester Spielplatz. Der älteste Rathsfeld-Sohn ging in meine Klasse,die von der Wiedigsburg in die Petersberg-Schule verlagert worden war. Ein armamputierter Oberst in mausgrauer Breeches-Hose, offenbar als letzte Reserve an die „Erziehungsfront“ beordert,
quittierte jeden Fehler im Diktat mit einem Hieb seines Rohrstocks.

Als besondere Erlebnisse in der Kindheit bleiben noch in Erinnerung der erste
Besuch im Stadttheater zum Weihnachtsmärchen „Hänsel und Gretel“, das erste Abendessen (auf Lebensmittel-Marken) mit der großen Schwester im Restaurant des „Römischen Kaisers“ sowie ein Landausflug mit den Eltern auf einen kleinen Bauernhof in Hamma bei Heringen. Der französische Zwangsarbeiter saß gemeinsam mit der Bäuerin und meinen Eltern beim Schweinebraten am Tisch und belehrte den kleinen Manfred, der vorwitzig grünen Salat aus der großen Schüssel geangelt hatte, nur das Vieh fresse aus demselben Trog.

Vom Kindergarten in der Spiegelstrasse ist nur wenig im Gedächtnis geblieben, obwohl doch „Tante Aurin“ den ersten nach den fortschrittlichen Ideen der italienischen Pädagogin Maria Montessori in Deutschland leitete. Oder war der Kindergarten zu meiner Zeit schon gleichgeschaltet? Davon erfuhr ich freilich erst im späteren Leben, ebenso von dem Nordhäuser Eduard Baltzer, der hierzu-lande den ersten Vegetarier-Verein gegründet und den Begriff „Jugendweihe“ geprägt hatte.

Nach den Luftangriffen und der Besetzung Nordhausens durch die US-Armee am 11.April 1945 war das Grauen des Krieges noch in den Gesichtern meiner Eltern abzulesen, wenn mein Vater vom Zwangseinsatz an der Boelcke-Kaserne kam. Mit bloßen Händen – Schläge gab es für diejenigen, die Zaunlatten als Trage nutzen wollten – , so geschah es verschiedentlich, mussten männliche Einwohner Nordhausens Hunderte Leichen von KZ-Häftlingen, die dort an Krankheit und Unterernährung gestorben oder durch Bomben der Royal Air Force ums Leben gekommen waren, zu einem Massengrab gegenüber dem Neuen Friedhof tragen. Bevor mein sichtlich erschütterter Vater in die Wohnung trat, versuchte meine Mutter, ihn mit Sakrotan-Lösung von oben bis unten zu desinfizieren.

Manfred Neuber

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