Aus dem Leben eines Journalisten ( Teil 9 )

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Auf dem Fliegerhorst in Nordhausen gab es an den Eintopf-Sonntagen währen des Krieges kräftige Erbsensuppe aus Gulasch-Kanonen. Kinder konnten auf dem Sitz einer Vierlingsflak Karussell fahren. Soldaten aus dem Steno-Kursus der älteren Schwester brachten Champions vom Flugfeld mit und bereiteten Kartoffelsalat nach pommerschem, schlesischem oder schwäbischem Rezept. Ein Fluglehrer unternahm einen Ausflug mit einer Ju 86 zu seiner Heimat am Bodensee und musste deshalb eine Karzer-Strafe absitzen. Als Greenhorn kam ich auf der ersten Reise in eine neue Welt zwischen Antarktis und dem Rio Grande. In Südamerika ansässige Kollegen von FAZ und Süddeutscher, von „Spiegel“ oder stern erwiesen sich als hilfsbereit bei der Vermittlung von Gesprächspartnern der örtlichen Politik und mit Hinweisen auf das beste Fisch-Restaurant. Der „Geheimtipp“ eines Korrespondenten besagte, wenn die Mulattin bei der Maniküre im Hotel mit ihrem Knie das andere berührt, fragt sie nach Telefon- oder Zimmer-Nr. (für spezielle Dienste).

Von der Theo-Neubauer-Schule in der Dom-Straße war ich zu einer Matiné-Vorstellung von Goethes „Faust“ in das Nationaltheater in Weimar „delegiert“ worden. Mit Lola Müthel in der Hauptrolle als Gretchen. Es wurde eine Tagestour bei den schlechten Zug-Verbindungen nach dem Kriege. Das Programmheft leistete mir bei der Abschlussarbeit in Deutsch bald darauf in Bad Lauterberg gute Dienste. Als unsere Geografie-AG bei der Wirtschaft vor Ort recherchierte, wurden wir in einem Betrieb der Spionage für die Zone verdächtigt.

Auf Dienstreisen im Ausland waren Wochenenden oft verlorene Zeit. Die besten Kontakte führten nur selten zu nützlichen Gesprächsterminen. In Panama gab mir der Presseattaché unserer Botschaft eine Einladung der Industrie- und Handelskammer zu einem Bootsausflug zu einer vorgelagerten Insel im Pazifik. Ein Amerikaner, angeblich Generalvertreter von General Motors in Los Angeles, plauderte mit mir die ganze Zeit über seine schönen Erinnerungen als GI in Germany. Also über bayrische Mädel, Münchner Bier und Nürnberger Würstchen. Unverhofft traf ich bei Besuchen auf verschiedenen Kontinenten vergessene Bekannte. So im Rainbow Room, einer Cocktail-Bar mit Show-Bühne im 65. Stockwerk im Rockefeller Center in New York City. Dort war ein entfernter Verwandter meiner Frau der Manager. Und in Windhuk rief meine Frau eine Freundin an, während wir aus dem Hotelfenster auf deren Haus in 500 Meter Entfernung schauten. Der Mann dieser Lauterbergerin hatte die erste chemische Reinigung aus alten Beständen in Deutschland nach Namibia gebracht. Eröffnungsflüge sind immer ein Schmankerl im Berufsalltag eines Journalisten.

Als die portugiesische Luftfahrt-Gesellschaft TAP von Frankfurt/Main nach Lissabon startete, saß ich hinter dem hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn. Mit der Lufthansa ging es nach Asunción in Paraguay zu Alfredo Stroessner, dem aus Bayern stammenden Diktator, mit British Airways nach Zim-babwe zu einer Safari. Die FinnAir flog mit der französischen Caravelle von HH nach Helsinki, die Cyprus Airways mit der britischen Trident nach Nikosia. Später staunte ich über die eigene Unbekümmertheit. Von Buenos Aires flog ich einmal mit dem britischen Düsenflugzeug Comet, das eine bestürzende Dienstzeit hatte, zum argentinischen Weinbaugebiet Mendoza. Von dort wollte ich mit der Eisenbahn über die Anden nach Santiago de Chile fahren. Weil aber in den nächsten vier Tagen keine Abfahrt anstand, mietete ich ein Auto mit Fahrer. Der Frührentner schaukelte seinen alten Cadillac über die Serpentinen am 4 300 Meter hohen Portillo-Gipfel vorbei, wo’s schon Olympia im Winter gab. Vorgarten oder kleiner Park zwischen den Haltstellen der Nordhäuser Straßenbahn an der Bahnhof- und Arnoldstraße – heute kaum noch mit Baumbestand. Nachdem bald keine Balken und Dachlatten aus den Trümmern der Luftangriffe vom 3. und 4. April 1945 mehr zu bergen waren, säbelten wir Jungen in den sehr kalten Nachkriegswintern noch junge Stämme an dieser Straßenecke ab. Hochwasser der Zorge schwemmte Treibgut aus dem Harz heran. Sonst mussten schon mal Briketts von Lkw-Ladeflächen für eine warme Stube geklaut werden.

Die Existenz zweiter deutscher Staaten konnte im Ausland zu Missverständnissen führen. In der Moneda, dem Amtssitz des chilenischen Präsidenten Salvador Allende, war ich mit seinen Innenminister José Tóha verabredet. „Heute ist eine Schiffsladung mit Schulbüchern in Valparaiso angekommen“, bedankte er sich. Da musste ich ihm erklären, dass die Bücher aus der DDR und ich aus der Bundesrepublik kamen. Der Sozialist mit der Gestalt einer Figur aus Don Quichote wurde nach dem Militärputsch gefoltert und erhängt in seinem Hospital-Zimmer aufgefunden.

Kaum hatte ich meinen ersten Start im Segelflugzeug am Dörnberg bei Kassel absolviert, da durfte ich in einem Werbe-Hubschrauber für Margarine in Melsungen in die Höhe steigen und den Bilderbuch-Ort von oben bewundern. Journalisten aus dem Zonenrandgebiet wurden damals nach Berlin eingeladen. Mit einer Vickers Viscount von Hannover nach Tenpelhof. Jahre danach wohnte ich nahe dem Flugplatz, wo schon morgens um 5 Uhr die Turbo-Prop-Triebwerke zum Warmlaufen angelassen wurden. Je nach Windverhältnissen ein Höllenlärm.

(Fortsetzung folgt)

Manfred Neuber

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