Aus dem Leben eines Journalisten – Teil 6

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Nordhausen wurde 1945 nicht von „US-Luftgangstern“, wie die SED bis 1989 behauptete, sondern von der britischen RAF bombardiert. Die Propaganda-Lüge deckte ich schon Anfang der sechziger Jahre auf, als ich mehrere Jahre bei der amerikanischen Nachrichtenagentur upi in London und NewYork war und recherchierte. Auch die Legenden, Nordhausen habe eine kampflose Übergabe abgelehnt oder die Luftangriffe hätten eigentlich Gotha gegolten, konnte ich in Presseberichten widerlegen.

Schwarz/Schneider hätte Bundespräsident Gustav Heinemann angesagt, als er mein Blatt sah. Aber ich wollte mein Glück nicht überziehen und begnügte mich mit Grand mit Vieren. Auf langen Flügen mit dem Staatsoberhaupt oder Regierungsmitgliedern ins Ausland fanden sich immer Skat-Runden unter den begleitenden Journalisten. Auch bei den Pressegesprächen an Bord ging es leger zu – nur mit Weste und ohne konventionellen Abstand. Eine Tracht Prügel wurde mir von anderen Parteianhängern angedroht, als ich in Wahlkämpfen nach 1945 in Nordhausen kleine Handzettel der LDP (der noch nicht gleichgeschalteten ohne zweites D) verteilte. Einmal handelte es sich um eine Ankündigung einer Wahlrede des Vorsitzenden Wilhelm Külz. Die Liberalen eroberten für kurze Zeit mehrere Rathäuser in Thüringen. Und die Zeitungen „Der Morgen“ und „Thüringische Landeszeitung“ galten noch als halbwegs unabhängige Blatter.

„Zufällig“ waren zwei „Kollegen“ aus Dresden zugegen, als der Erste Sekretär des Rates der Stadt Nordhausen, Erich Trost, mich zu einem „gesamtdeutschen Gespräch“ im alten Rathaus empfing. Das war am 10. Oktober 1963. Im Stasi-Bericht vom 15. Oktober (gez. Benkenstein) heißt es: „Es erschienen … zwei Mitarbeiter des MfS Berlin. Ein Genosse stellte sich mit dem Namen Kurt vor, während der andere sich als freischaffender Künstler ausgab.“ Weiter im Text:
„Es handelte sich um zwei Genossen der Hauptabteilung Aufklärung.“ Eine kleine Flasche Mineralwasser für zwölf DDR-Pfennige in der Gaststätte am Pferdebrunnen in Nordhausen – das musste in den Ruin führen. Weltniveau hatten die Preise nicht, aber sonst wurden internationale Maßstäbe beim „Platzieren“ und hochtrabenden Namen wie „Gastmahl des Meeres“ vorgekaugelt. Das Schlosspark-Hotel erlebte einmal einen Besucheransturm, als in Nordhausen mir bekannt wurde, dort gebe es Kakao am Nachmittag. Für Bückware im HO wurden Arbeitsstunden im VEB verloren.

Als Volontär beim „Bad Lauterberger Tageblatt“ lernte ich das harte Brot des Lokaljournalisten kennen. Wochenlang an vielen Abenden zu den Jahreshauptversammlungen der Landsmannschaften, der Gesang- und Sportvereine, der Schützen und Kaninchen-Züchter. Als Nebenverdienst war kein Honorar zu gering, um am Monatsende vom Geld-Briefträger freudig in Empfang genommen zu werden. Das „Bad Sachsaer Tageblatt“ vergütete Fußballberichte eines Monats mit fünf DM. Der Text wurde noch von Hand aus dem Setzkasten zusammengestellt.

Russisch-orthodoxe Ostern 1963 in der Erlöser-Kathedrale in Moskau.
Mit Besuchern aus dem Westen erlebte ich die stundenlange Liturgie mit schwermütigen Gesängen.Bei der Kerzen-Prozession nach Mitternacht um das Gebäude wurden die Popen von atheistischen Störern verhöhnt. Ortswechsel: In Engels südlich von Wolgograd. In einer nach dem Ende des Sowjet-Regimes errichteten katholischen Kirche, zu deren Einweihung ich dort war, waltete ein Priester, dessen Diözese damals von der Wolga bis zum Fernen Osten Russlands reichte.
Der „Elephant“ in Weimar hat ein dickes Fell. In dem Luxushotel nächtigten Hitler, Helmut Kohl auf Privatreise in der DDR, Udo Lindenberg und der Prinz von Sachsen-Anhalt-Eisenach. Die Stasi hatte „Kundschafterinnen des Friedens“ auf westliche Gäste während der Leipziger Messe angesetzt. Auch ich wurde von einer an der Bar „angemacht“. Ähnliche Versuche erlebte ich in Rostock und im Grand-Hotel in Ost-Berlin. Die MfS-Kreisdienststelle in Nordhausen führte Buch über Kontakte in Hotels mit „operativen Betten“. Es muss nicht immer Kaviar sein, dachten sich Diplomaten und Journalisten bei einem Besuch in Wolgograd. Den Schwarzhändlern vor unserem Hotel an der Wolga entging der Umsatz. Auf dem Marmajew-Hügel reckt die Riesen-Statue von „Mütterchn Russland“ einen Arm mit Schwert in Siegespose gen Himmel. Vorher hatten wir die Fabrik besichtigt, aus der direkt von der Montage die T34-Panzer an die Front in Stalingrad rollten. Es war die Schlacht, die wohl den Zweiten Weltkrieg entschied.

Kein Vernünftiger hasst Russland, das für den Despoten Putin nichts kann.

Manfred Neuber

-Fortsetzung folgt-

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