Aus dem Leben eines Journalisten – Teil 4

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Der Nordhäuser OB bei Kriegsende, Dr. jur. Herbert Meyer, wurde beim Abzug der Amerikaner aus Thüringen in ein Internierungslager bei Karlsruhe mitgenommen. Dort traf ihn mein Vater, der unbelastet kurz darauf entlassen wurde. Meyer musste drei Jahre Lagerhaft verbüßen. Mein Vater wurde in dessen Elternhaus in Bad Lauterberg aufgenommen. Die beiden und ich „machten Holz“ für Meyers, holten Brennholz mit Muskelkraft auf Leiterwagen aus dem „Gedränge“ bei Sieber und vom Hillebille an der Odertalsperre.

Seriöse Journalisten sollten bemüht sein, nicht voreingenommen zu werden. halte ich mich – bis auf einen Fall: Offen bekenne ich eine Phobie gegen Serben. Mit dem Mord am österreichischen Thronfolger lösten Nationalisten 1914 in Belgrad den Ersten Weltkrieg aus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schickte Tito Hunderttausende Gefangene aus den Ländern der UdSSR in Stalins Gulag. Und nach dem Zerfall Jugoslawiens waren vor allem Serben an dem Gemetzel auf dem Balkan schuldig.

„Tennis-Diplomatie“ wäre ein zu hoch gesteckter Begriff, aber in der Sache konnte es so gelten: Im Frühjahr 1990, als die Mauer gefallen war, reisten Bonner Beamte und Journalisten zu ersten Kontakten nach Adlershof und zur Wartburg. Wir spielten mit Kollegen von der „Aktuellen Kamera“ der DDR, die roten Sand aus zerstoßenen Ziegelsteinen beschaffen mussten, und Eisenacher Eisenbahn-Sportler um einen Helmut-Kohl-Pokal. Mit einem Thüringer Meister siegten die Gastgeber.

Reisen im Greyhound-Bus waren um 1962 eine günstige Gelegenheit, durch die USA zu fahren und vor allem schwarze Mitfahrer kennen zu lernen. Damals 99 Dollar für 99 Tage. Das hätte für eine Überquerung von New York nach San Francisco gereicht. Ich nutzte das Ticket für verlängerte Wochenend-Ausflüge von NYC nach Boston, zu den Niagara-Fällen (heute 24,50 €), nach Virginia und Washington (34 €) – 60 Mal am Tage! Jetzt hat das deutsche Unternehmen FlixBus die lahmenden „Windhunde“ übernommen. Ausgewogenheit in den Medien ist ein hehres Ziel, das in der Facebook-Ära leider oft aus den Augen verloren wird. Ich halte mir zugute, nach dem neuen Botschafter Israels auch den ersten Vertreter der Palästinensischen Befreiheitsbewegung (PLO) in Bonn interviewt zu haben. Die Mutter des Diplomaten Avi Primor war aus Frankfurt/Main nach Tel Aviv ausgewandert. Ihr Sohn belebte den deutsch-israelischen Dialog. Primor und Ex-Intifada-Kämpfer Abdallah Frangi erhielten 2013 den Erich-Remarque-Friedenspreis.

Der Fernseh-Journalist Peter Scholl-Latour war wie ein bunter Hund in aller Welt anzutreffen. Eines Tages in Bangkok, als ich aus meinem bescheidenen Hotel in die Anlage des nahen Luxushotels Oriental (fünf *) schaute, sah ich ihn auf einer Liege im Schatten am Swimming Pool. Im Gespräch entdeckten wir, dass wir zu Hause in Rhöndorf fast Nachbarn waren. Die Scholl-Latours besaßen ein Penthaus direkt am Rhein unterhalb des Adenauerschen Rosengartens, mein Domizil davon nur 500 Meter entfernt.

Als ich 1962 an Bord der „France“ (in billiger Sechser-Kabine allein!) in New York ankam, wollte die US-Einwanderungsbehörde auch wissen, ob meine Großmütter in irgendeiner Nazi-Organisation waren. Sicherheitshalber verschwieg ich, dass ich während des halben Jahres in der Lehrwerkstatt des Ifa-Schlepperwerkes zwangsweise der FDJ und dem FDGB angehörte. Rüdiger von Wechmar, Generalkonsul und früherer upi-Kollege, begrüßte mich. Einige Jahre später interviewte ich ihn als Präsidenten der UNO-Vollversammlung.

Mein englischer Freund im Schüleraustausch schon 1951 wuchs in einer Patenfamilie auf. Seine Eltern waren in London von einer deutschen V-2 getötet worden. Mein Vater hatte als Ingenieur bei der Mabag an Bauteilen der „Vergeltungswaffen“ mitgearbeitet. Das erfuhren wir erst nach Jahren, als Laurie in Hildesheim stationiert war und Weihnachten in Uniform mit uns in Bad Lauterberg feierte. Der Militärdienst verzögerte sein Studium in Cambridge. Ich war als Weißer Jahrgang von verlorenen Jahren in der Bundeswehr befreit. Das „Lullaby of Broadway“ hatte für mich eine besonderte emotionale Bedeutung. Früh morgens um halb Drei, „wenn der Milchmann seine Runde macht“,fuhr ich im Nachtbus auf der 1st Avenue von der 42. zur 72. Straße nach dem Spätdienst in der Welt-Zentrale der amerikanischen Nachrichtenagentur upi.

Eine meiner Aufgaben war es, die Morgenzeitungen nach Mitternacht nach Kommentaren für die Pressekunden in Europa auszuwerten. Yorkville, das deutsche Viertel, liegt nur wenige Schritte entfernt.

Die „Kasseler Post“ war in den fünfziger Jahren eine von drei Tageszeitungen.Als ich dort anfing, war sie auf liberaler Linie. In Nordhessen gab es einige FDP-Direktmandate. Dann spaltete sich die FVP August Martin Eulers wegen der „Jungtürken“ in Düsseldorf ab, und wir wurden dessen Sprachrohr. Danach fusionierte die FVP mit der Deutschen Partei, also nun konservativer Kurs. Als der Verlag den Druckauftrag für das erste Gesangbuch der Bundeswehr erhielt, folgte der Wechsel pro CDU.

Manfred Neuber

(Fortsetzung folgt)

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