Aus dem Leben eines Journalisten – Teil 3

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Über seine Jahre in Nordhausen sprach ich mit Lothar de Maizière in seinem Abgeordneten-Büro in Bonn. Er war am 22. März 1940 in der Oberstadt geboren worden. Der Berufsbratschist bis zu einer Erkrankung wurde der einzige frei gewählte Ministerpräsident der DDR. Vorher als Anwalt in Berlin stand er unter Verdacht, informeller Mitarbeiter („Czerny“) der Stasi gewesen zu sein. Mit Gerhard Jüttemann (MdB der Linken) erörterte ich den Kampf der Bischoferöder Kumpel gegen die Schließung ihrer Kali-Schächte.

Mit einer Schildkröte in der Wohnung Reichsstraße 26a, 1. Etage links, fing es an. Sie erhielt freien Auslauf zu frischem Salat in unserem Schrebergarten – und ward verschwunden. Ähnlich erging es mir mit den Wellensittichen. Der Taubenblaue wie auch der Grüngelbe nutzen den Freiflug in der Guten Stube zum Entfliehen. Als Neunjähriger war ich stolz auf meinen Dackel Waldi. Wie es dazu kam, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls nahm ihn ein Ausbilder auf dem Fliegerhorst einmal an Bord und kam vom Feindflug nicht zurück.

Nach dem Besuch bei den Tausenden Ton-Kriegern nahe der ehemaligen Kaiser-Residenz Xi’an in Mittelchina folgte die Kreuzfahrt auf dem Yangtse durch die legendären Drei Schluchten. Die Reiseleiterin hatte auf einer Europa-Reise das Geburtshaus Karl Marx’ in Trier besucht und konnte es nicht fassen, dass ihre deutschen Gäste davon nicht begeistert waren. In einem Hotel in Peking wurde ich von einer Serviererin arg gerüffelt, weil ich als Diabetiker mir ein trockenes Brötchen für unterwegs mitnehmen wollte.

Das enorme Porto hätten sich meine Eltern sparen können! Als ich 1962 ein knappes Jahr in New York war, schickten sie mir zum Geburtstag Thüringer Wurst in Dosen. Unweit meines Apartments gab es (und gibt’s heute noch) das deutsche Traditionsgeschäft Schaller & Weber mit einem großen Sortiment an der 86. Straße auf Manhattan. Deren Qualität stand den Erzeugnissen der Schlachterei Wiedemann in Bad Lauterberg in nichts nach. Aber Wurst aus der Heimat war doch etwas Besonderes.

Zweimal in meinem Leben bekam ich Todesangst. Nicht bei den Luftangriffen am 3. und 4. April 1945 auf Nordhausen, trotz Bomben-Einschlägen in der Nähe. Das eine Mal auf dem Fluge nach Brasilien, als nach einer Zwischenlandung in Lissabon die Bordtür neben meinem Platz 12 (beinfrei am Notausgang) geschlossen wurde. Warum wurde mir nicht bewusst. Das andere Mal war ich in der Odertalsperre weit hinausgeschwommen, und die Bäume an beiden Ufern warfen dunkle Schatten. Es war ein unheimliches Gefühl.

Dissidenten aus der DDR, damals noch in Gänsefüßchen, ausgewiesen oder von Bonn freigekauft, fanden im Axel Springer Verlag bevorzugt eine berufliche Zukunft. So auch der Schriftsteller Ulrich Schacht im Feuilleton der WELT. Am Produktionstisch saß er oft neben mir, Sohn eines russischen Offiziers und einer deutschen Mutter, geboren im Gefängnis. Ebenso der Kollege Knud Teske. An seinem Vater Werner ist am 16. Juni 1981 das letzte Todesurteil in der DDR vollstreckt worden. Der Stasi-Offizier hatte in den Westen flüchten wollen.

Der erste Schultag im September 1941 in der Wiedigsburg blieb in schmerzlicher Erinnerung. Ich hatte mir einen Splitter aus der alten Schulbank in den Podex gerissen. Frau Wassmann, die Klassenlehrerin, entfernte ihn im Lehrerzimmer. In der Pause gab es an der Ecke bei Zimmerling eine Spitztüte mit Sauerkraut für 10 Pfg, keine Süßigkeiten. Die Wiedigsburg wurde Lazarett, wir zogen auf den Petersberg um. Ein armamputierter Offizier als Lehrer bestrafte Fehler im Diktat mit seinem Rohrstock.

Zwanzig Milliarden € Gewinn in einem Jahr. Das muss man sich mal mit Nullen vorstellen! Im ersten Corona-Jahr heimste der Hamburger Logistik-Unternehmer Klaus-Michael Kühne, der zur Steuerersparnis in Schindellegi (Kanton Schwyz) ansässig ist, soviel ein. Das Traditionsunternehmen Kühne & Nagel war 1890 gegründet worden. Beim Festbankett zum Ibero-Amerika-Tag im noblen Atlantic-Hotel in Hamburg, wo Udo Lindenberg logierte, saß ich einmal an seinem Tisch. Großzügig übernahm er die Wein-Rechnung der ganzen Runde.

Ohne eine feste Aufgabe war der Springer-Sohn Axel junior in den Redaktionen des Verlags herumgereicht worden. Kurze Zeit kam er auch zur WELT in Bonn. Nach der morgendlichen Redaktionskonferenz beim „Blattmachen“ saß er einige Male neben mir im Papierkorb, die Nase gerade über der Schreibtischkante. Der junge Axel gründete die Fotoagentur Sven Simon und schoss das legendäre Bild von Uwe Seeler mit gesenktem Haupt nach der WM-Niederlage gegen England 1966 im Wembley-Station. Er beging Suizid am 3. Januar 1980.

In meinen Londoner Jahren wunderten sich andere Verkehrsteilnehmer, weshalb ich auf der falschen Seite im Auto saß. Der kleine Sportwagen Austin-Healey Sprite, zwar mit Frankfurter Kennzeichen, hatte das Lenkrad links. Eines Morgens stand er inmitten von Goldlack im Vorgarten des 41, Princess House in der Kensington Park Road. Böse Buben hatten den Wagen von der Straße über den kniehohen Zaun gehievt. Der Royal Automobil Club musste mit einem Kranwagen anrückten, um mich wieder fahrbereit zu machen.

Manfred Neuber

Fortsetzung folgt…

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