Ein Nordhäuser und Kennedy

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Der amerikanische Präsident John F. Kennedy fiel am 22. November 1963 in Dallas/Texas einem Attentat zum Opfer.

Ein gebürtiger Nordhäuser, der Journalist Manfred Neuber (87), hatte mehrere berufliche Erlebnisse mit JFK.

Als er am 20. Januar 1961 in Washington in sein Amt eingeführt wurde, übersetzte ich in der Deutschland-Zentrale von UPI in Frankfurt/Main seine Ansprache am laufenden Meter vom Fernschreiber für die deutschen Medien und formulierte „Frag’ nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern frag’, was Du für Dein Land tun kannst.“ Als er am 22. November 1963 in Dallas bei einem (bis heute ungeklärten) Attentat ums Leben kam, war ich der Erste in Europa, der eine Blitzmeldung („Drei Schüsse auf Kennedy“) herausjagte.
Unser Korrespondent, Doyen des White House Press Corps, saß im Wagen hinter jenem des Präsidenten und verfügte über ein Funktelefon. So lag UPI vor der amerikanischen Konkurrenz AP und zwölf Minuten vor dpa. Meine Meldung erschien in Faksimile im stern. Für mich war es eine Sternstunde; denn ich schickte den Flash in derselben Minute des Eintreffens auf den deutschen Draht. Und das an einem Freitagabend, an dem normalerweise unser „Geschäft“ allmählich auslief, weil die Zeitungen wegen der dicken Wochenend-Ausgaben einen frühen Redaktionsschluss hatten.

Kurz nach 19 Uhr hätte ich schon an einer Skatrunde teilnehmen oder eine Partie Schach eröffnen können. So zum Glück kein Karriere-K.o. Zwischen den beiden historischen Momenten traf ich einmal mit JFK zusammen Bei seinem Deutschland-Besuch im Juni 1963 berichtete ich am Morgen über seine Ansprache an die US-Streitkräfte in Europa auf der US Air Base Langenselbold bei Hanau, flog nach Berlin und war für seine Rede am Nachmittag in der Kongresshalle („Schwangere Auster“, Geschenk der USA an Berlin) vor Gewerkschaftsvertretern eingeteilt.
Das „Ich bin ein Berliner“ kam später vor dem Schöneberger Rathaus. Während der DGB-Chef und George Meany, der Boss vom AFL/CIO, auf die Ankunft Kennedys warteten, stand ich am Eingang und entdeckte an der Wand ein Zitat Benjamin Franklins in Englisch und Deutsch. Die Originalfassung schrieb ich auf einen Zettel, gab diesen den beiden mit dem Hinweis, das könnte ein passender Einstieg zu der Rede sein – und siehe da, bei der Begrüßung reichten sie meinen Zettel an JFK, der mit dem Zitat seine Ansprache eröffnete. Die in der Begleitung mitreisenden amerikanischen UPI-Kollegen freute es.
Ungewöhnliche Reaktionen löste schließlich ein Interview aus, das ich mit dem aus den USA abreisenden deutschen Botschafter über die Politik Kennedys führte. Darin äußerte sich Prof. Wilhelm Grewe freimütig über die bilateralen Beziehungen (zwischen offenen Koffern und ungemachten Betten an einem Samstag Morgen in seinem Hotel in New York, bevor er für die Heimreise an Bord der „Bremen“ ging). Das Interview schlug in Bonn wie eine Bombe ein, und das Auswärtige Amt versuchte Kernpunkte in Abrede zu stellen. Tatsächlich hatten Boulevard-Blätter wie die „Abend-Post“ in Frankfurt/Main in Überschriften die korrekte Wiedergabe des Gesprächs zugespitzt. Weil zuvor bereits der deutsche Botschafter in Moskau von der offiziellen Linie abgewichen war, herrschte Aufregung im AA.
Da Grewe auf dem Atlantik angeblich nicht zu erreichen war oder im offenen Funkverkehr keine Stellung beziehen wollte, schickte das ZDF ein Team nach NYC, um mich zu befragen. Hanns-Werner Schwarze, später Präsident des PEN-Clubs, leitete damals die Magazin-Sendung „Kennzeichen D“ des. Im „Allerheiligsten“ von UPI (im Hochhaus an der 2nd Ave./42nd Street, 12. Stock), dem Vorstandssaal, wurden Scheinwerfer und Kameras aufgebaut, und ich wurde „gegrillt“. Zum Verdruss der ZDF-Kollegen musste ich lavieren; denn ich konnte weder überdrehte Überschriften unserer Kunden kritisieren, noch konnte ich die Deutungen des Auswärtigen Amtes („Missverständnis“, „ kann so nicht gesagt worden sein“) allzu heftig zurückweisen. Wieder eine „Tretmine“ überlebt. Vermutlich verdanken wir JFK unser Leben. Als sich die Kuba-Krise im Oktober 1962 zuspitzte, stand die Welt fast vor einem Atomkrieg zwischen den Supermächten. Ich erlebte die kritischen Tage in New York.

Die Angst vor einem sowjetischen Raketen-Überfall stieg von Tag zu Tag. Für die sonst hart gesottenen Yankees war die unterschwellige Furcht ungewöhnlich.Die Schlagzeilen wurden größer und bedrohlicher. Das Weiße Haus in Washington stand unter enormem Druck hoher US-Militärs, sofort loszuschlagen – Vernichtung der auf Kuba stationierten sowjetischen Raketen und Versenkung der mit weiteren Raketen die Insel anlaufenden Schiffe. Curtis LeMay, Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte, erwies sich als der schärfste Falke. Aber JFK, sein Bruder Bobby und die engsten Berater widerstanden dem Drängen und entschärften den Konflikt. An die Seitensprünge des oft an Krücken (nicht in der Öffentlichkeit) gehen- den Präsidenten erinnerte ein News Bulletin an einem Sonntagmorgen – es war der 5. August 1962 – aus Kalifornien (ich hatte Dienst). Darin wurde der Suizid Marilyn Monroes gemeldet. Auf einer Geburtstagsparty Kennedys im Weißen Haus hatte sie vor aller Augen mit dem Präsidenten geflirtet; eine Affäre zwischen den beiden war kein Geheimnis. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass Marilyn auf der Upper East Side von Manhattan unweit meiner Adresse ein Apartment hatte.

Manfred Neuber

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