Der „Bauch“ des Kohnsteins barg das größte Treibstofflager

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– Unterirdischer Rüstungskomplex Mittelwerk stellte später V-Waffen her –

Hinter dem Kürzel WiFo für Wirtschaftliche Forschungsgemeinschaft verbarg sich das Zentrale Kraftstoff-Lager des Deutschen Reiches im Kohnstein. Gegründet wurde die WiFo von der IG Farben GmbH, die ein Gipswerk bei Niedersachswerfen betrieb, und der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Arbeiten unter der Regie des Reichswirtschaftsministerium. Schon 1934, also ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, plante diese Organisation strategische Vorräte an Rohstoffen für den Kriegsfall.

Der Kohnstein bot auf Vorschlag der IG Farben zwei Vorteile und doppelten Nutzen: Günstige geologische Voraussetzungen für den Stollenbau sowie leichter Anschluss ans Schienennetz, zudem niedrige, weil geteilte Kosten für die Bohrungen der WiFo und die Anhydrit-Lieferungen an das Leuna-Werk bei Merseburg. Mit der Leitung des Projektes wurde im August 1936 der WiFo-Ingenieur Karl Wilhelm Neu beauftragt. Die Arbeiten hatten schon im Juni mit 400 Bergleuten begonnen.

In dem bis zu 335 Meter hohen Bergmassiv im südlichen Harz-Vorland wurden anfangs zwei parallel verlaufende Fahrstollen gebohrt und die ersten Querstollen erschlossen. Tunnel A konnte am 13. März 1937 und Tunnel B am 5. Mai vollendet werden. Die Querstollen waren neun Meter breit und sieben Meter hoch. So wurden 780 000 Tonnen Anhydrit gewonnen.

Foto:Blitzlicht

Bevor die Kavernen Nr. 2 bis 18 mit Tausenden von Ölfässern belegt wurden, mussten drei Entlüftungsschächte gebohrt, eine Ventilation eingebaut und im Stollen 1 eine Zentralheizung mit sechs Brennstellen geschaffen werden, um Korrosion der Metallfässer durch Kondenswasser zu verhindern. Über zwei Anschlussgleise rollten Kesselwagen der Reichsbahn zu den Tanks. Noch ehe der Komplex WiFo I vollendet war, entstanden auf dem Reißbrett größere Vorhaben.

Zunächst wurden die beiden Tunnel bis zu 1.800 Meter tief in den Karst vorgetrieben. Zwischen ihnen stieg die Zahl der Kavernen auf 50, jeweils 150 bis 200 Meter lang. Die neuen Lagerstätten hatten einen Durchmesser von elf Metern, so dass dort 80 Meter lange Stahltanks mit einem Fassungsvermögen von je einer Million Liter untergebracht werden konnten. Die Ausbaustufe WiFo II war am 8. Dezember 1939 und WiFo III am 22. Mai 1940 fertig.

Auf der letzten Strecke von WiFo III am südlichen Abhang des Kohnsteins bereitete die geologische Struktur einige Schwierigkeiten; es bestand Einsturzgefahr. Deshalb musste ein Spezialtrupp angefordert werden. Der Vortrieb konnte nur mit Stützbalken und Verschalung gelingen. Die Seitenwände der Kavernen mussten betoniert werden. Die im Juli 1941 begonnenen Arbeiten dauerten bis zum 28. August 1943. Tunnel B unterquerte nun den Kohnstein auf seiner ganzen Breite.

In der Endphase des Zentralen Treibstoff-Lagers barg der „Bauch“ des Kohn-steins auch zwei riesige Tanks mit jeweils einer Million Liter Hydroperoxid. Im Innersten des Stollensystems waren Kammern für chemische Kampfstoffe vorgesehen. Schon bevor alle Kavernen mit Treibstoff, Öl und Schmiermitteln belegt waren, galt der Kohnstein als das größte Tanklager in Deutschland. Angeblich sollten die Vorräte im Kriege den Bedarf der Wehrmacht für zwei Jahre decken.

Zum Geschäftsfeld der WiFo gehörte die 1940 errichtete Zementfabrik zwischen Kohnstein und der Reichsbahn-Strecke. Für die Verwaltung der Wirtschaftlichen Forschungsgesellschaft baute man zwei Bürohäuser, für leitende Mitarbei-ter 20 Wohnhäuser am Rande Niedersachswerfens. Von den drei Tälern, die den Kohnstein einschnitten, sollte das Höllental eine schreckliche Vorahnung auf das Martyrium der zu Tode geschundenen Häftlinge des KZ Dora-Mittelbau bei der unterirdischen Waffen-Produktion von 1943 bis 1945 geben.

Foto:Blitzlicht

Mit dem Abbau von Gips war nach 1870 begonnen worden. Die Badische Anilin-&-Soda-Fabrik errichtete 1916/17 einen Förderbetrieb für ihr Ammoniak-Werk bei Merseburg. Zunächst aus zwei Stollen und dann im Tagebau wurden 1919 schon 82.000 Tonnen gefördert. Nach der Eingliederung der BASF 1925 in die IG Farben stieg 1928 der Ausstoß auf 1.244.000 Tonnen, ehe er 1930 wegen der Weltwirtschaftskrise auf ein Drittel schrumpfte.

Anhydrit und Gips waren damals wichtige Rohstoffe für die Stickstoff-Synthese; durch verschiedene chemische Prozesse wurden Grundstoffe für die Herstellung von Dünger und Sprengstoff gewonnen. Bevor der Abbau begann, wiesen die weißen Klippen eine Falltiefe bis zu 120 Meter auf. Die einst bewaldeten Höhen von Kohnsteinkopf (332), Hoher Kopf (348), Gängerkopf (316) und Birkenkopf (300) schwanden bis zur Unkenntlichkeit.

Im Sommer 1943 änderte sich alles schlagartig. Das Rüstungsministerium Albert Speers und das Heereswaffenamt requirierten das Labyrinth für die Produktion der so genannten Vergeltungswaffen, nachdem alliierte Luftangriffe die Herstellung der V1 und V2 in Peenemünde, auf der Zeppelin-Werft in Friedrichshafen und in Wiener Neustadt getroffen hatten. Reichsmarschall Hermann Göring – mit seiner Luftwaffe eifersüchtig auf die Rakete des Heeres – opponierte dagegen, musste sich aber dem Befehl Hitlers beugen.

Auf der Suche nach bombensicheren Arealen war Paul Figge, Mitarbeiter der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, für den Sonderausschuss A4 des Speer-Vertrauten Gerd Degenkolb im Südharz fündig geworden. Vermutlich brachte ihn Mabag-Direktor Radtke, Mitglied eines Ausschusses der Kriegswirtschaft in Berlin, auf die Idee. Der Nordhäuser Metallbau-Betrieb Mabag hatte der WiFo die Gestelle für die Lagerung von Treibstoff-Fässern und Tanks geliefert. Degenkolb und sein Stellvertreter Heinz Kunze waren begeistert.

Aber die WiFo-Führung, vertrauend auf Rückendeckung Görings als Vorsitzender des Reichsforschungsrates, wies die ersten Sondierungen des Rüstungsministeriums und des Heereswaffenamtes ab. Hartnäckig verlangte Speer die Räumung des gesamten Stollenbaus; er wollte kurzerhand die WiFo aufkaufen. Schließlich kam ein Pachtvertrag für die Übernahme zustande, der zuerst eine Million, später eine halbe Million Reichsmark „Miete“, zusätzlich einen hohen Tagessatz für Maschinen und Personal vorsah.

Die Entscheidung für die Verlagerung der V-Waffen-Produktion aus dem ganzen Reich in den Kohnstein fiel im Sommer 1943 in mehrtägigen Besprechungen im „Führer“-Hauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen zwischen Hitler, Speer und Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS. Begierig nutzte Himmler die Chance, Mitsprache beim Raketen-Programm zu erlangen, indem er Arbeitskräfte in unbegrenzter Zahl aus Konzentrationslagern für die Montage der Flugkörper unter größter Geheimhaltung anbot. Übergeordnet der WiFo wurde nun die neu gegründete Mittelwerk GmbH mit Dr. Kurt Kettler an der Spitze.

Bereits am 28. August 1943 traf die erste Gruppe von 107 Häftlingen aus dem KZ Buchenwald ein, am 2. September folgte eine zweite von 1.223 Gefangenen. Zwischen dem Sonderausschuss A4 Degenkolbs und dem Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS, das für das Schreckensregime in den Konzentrationslagern verantwortlich war, lief die Zusammenarbeit reibungslos. Mit der Aufgabe, „Menschenmaterial“ zum Kohnstein zu schicken, wurde SS-Brigade-führer Hans Kammler berauftragt.

Der Rüstungskomplex im Kohnstein war zuletzt mit einer Ausdehnung von zwanzig Kilometern die größte unterirdische Industrieanlage der Welt. Außergewöhnlich ist auch, dass bei der Montage von Flugbomben und Raketen mehr Menschen (20.000 KZ-Häftlinge) durch die brutalen Bedingungen ums Leben kamen als durch ihre Einschläge in London, Antwerpen und Nordfrankreich. Als dritte „Wunderwaffe“ sollten die Me 262 und ein „Volksjäger“, deren Triebwerke ebenfalls im Kohnstein von Fremdarbeitern hergestellt wurden, eine Kriegswende und den „Endsieg“ bringen.

Manfred Neuber

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