Die Entzündung im Körper – Rheumapatienten aus ganz Thüringen kommen nach Bleicherode

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Von einem Tag auf den anderen verspürt Daniela Holz plötzlich an beiden Händen Schmerzen in ihren Fingern. Damals ist sie gerade einmal 20 Jahre alt und lässt sich zur Rechtsanwaltsfachangestellten ausbilden. Mit Hilfe eines Bluttests wird bei der jungen Frau Rheuma diagnostiziert. Seitdem ist ihr Leben von der Erkrankung geprägt. Als sie 2009 von Hannover nach Bleicherode zieht, besucht sie erstmals die Rheumasprechstunde von Anke Graß, Oberärztin für Orthopädie, Rheumatologin und zertifizierte Osteologin, in der HELIOS Klinik Bleicherode. Der Beginn einer langjährigen vertrauensvollen Behandlung.

Rheuma kommt aus dem Griechischen und bedeutet „fließender Schmerz“. Hinter dem Begriff verbirgt sich kein eigenständiges Krankheitsbild, erklärt Anke Graß. „Vielmehr verstecken sich dahinter mehr als 100 verschiedene rheumatische Erkrankungen.“ Betroffene leiden häufig unter Schmerzen in den Gelenken, Bewegungseinschränkungen und bedürfen einer medikamentösen Therapie. Bei der chronischen Erkrankung werden vier Hauptgruppen unterschieden: Entzündlich-rheumatische Erkrankungen, wie rheumatoide Arthritis und Morbus Bechterew, degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen, wie Arthrose, Weichteilrheumatismus und Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden, wie beispielsweise Gicht und Osteoporose. „Rheuma ist also nicht gleich Rheuma. Die Erkrankung kann leicht verlaufen, in einigen Fällen aber lebensbedrohlich sein“, erklärt die Spezialistin. Meist schleichend, über Jahre hinweg, werden im Krankheitsverlauf – insbesondere unbehandelt – die Gelenke zerstört oder, im Extremfall auch andere Organe wie Herz, Niere, Lunge, Darm, Haut oder Augen.

Nicht nur ältere Menschen leiden unter dem Krankheitsbild. „Rheuma kann in jedem Alter auftreten, am häufigsten jedoch zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr“, sagt Anke Graß. Eine besondere Form der entzündlichen Gelenkerkrankung stellt die sogenannte juvenile idiopathische Arthritis dar, die bereits im Kindes- und sogar im Kleinkindalter auftreten kann. Obwohl die Forschung in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht hat, ist die Ursache der rheumatoiden Arthritis immer noch nicht geklärt. „Aktuell wird eine Fehlsteuerung des Immunsystems diskutiert, wobei Zellen des Immunsystems in die Gelenkinnenhaut einwandern und diese zu aggressivem Wachstum anregen“, erklärt die Rheumatologin. Auslöser der Immunreaktion könnten auch Infektionserreger, wie Viren oder Bakterien sein. Gesicherte Kenntnisse liegen bis heute jedoch nicht vor. „Wahrscheinlich ist auch eine erbliche Veranlagung erforderlich, damit die Immunreaktion zum Ausbruch der Erkrankung führt. Und auch Umwelteinflüsse können mit dazu beitragen, hier ist beispielsweise das Rauchen mit zu erwähnen“, sagt Anke Graß.

Bei Daniela Holz ist die erbliche Veranlagung für die Erkrankung vorhanden. Ihre Mutter ist vor vielen Jahren ebenfalls an Rheuma erkrankt. Das Krankheitsbild ihrer Tochter verläuft in Schüben. „Von einem Tag auf den anderen habe ich höllische Schmerzen in der Hand und bin morgens für eine Stunde wie lahm gelegt“, sagt die 35-Jährige. Die Mutter zweier Söhne, 5 und 2, kann dann ihren Kindern vor Schmerzen nicht einmal Brote schmieren. Von Anke Graß wurde sie während ihrer beiden Schwangerschaften medizinisch begleitet. Für ihren Kinderwunsch musste sie ihr Rheumamedikament ein halbes Jahr vorher absetzen, war jedoch auf die stetige Einnahme von Kortison angewiesen. Als während ihrer ersten Schwangerschaft ihr Fuß drastisch anschwillt, muss sie häufiger von der Rheumatologin untersucht und beobachtet werden. Dennoch verlaufen beide Schwangerschaften und die anschließende Stillzeit ungefährlich.

Weltweit sind 0,5 bis 1% der Bevölkerung von Rheuma betroffen, darunter 500.000 bis 800.000 Menschen in Deutschland – Frauen rund drei Mal häufiger als Männer. Jährlich werden 2000 Neuerkrankungen diagnostiziert. Anke Graß ist eine von ca. 20 Rheumatologen in Thüringen, jedoch seit 2014 die einzige Rheumatologin im Landkreis Nordhausen. Obwohl sie eigentlich orthopädische Rheumatologin ist, betreut sie die Patienten nicht nur in Bezug auf Operationen, sondern führt die Diagnostik und die medikamentöse Einstellung durch. Als Sie erstmals am 19. Juli 2007 ihre rheumatologische Sprechstunde eröffnet, kommen die Patienten aus ganz Thüringen. So auch Katrin Wöhner, 51 Jahre alt aus Gehren bei Ilmenau. Auch bei ihr traten bereits mit jungen Jahren Rheumasymptome auf. „Ich war Mitte 20, als ich plötzlich morgens unter Rückenschmerzen und Steifheit litt“, erzählt die Südthüringerin. Bei ihr wird wenig später die Diagnose Morbus Bechterew gestellt, eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die zu einer Versteifung der Wirbelsäule führen kann. Mit zunehmendem Alter werden ihre Beschwerden immer schlimmer. „Die Schmerzen betreffen alle großen Gelenke. Ich bin sehr eingeschränkt und kann kaum laufen“, erzählt sie. Trotzdem geht sie weiterhin ihrem Beruf als Gebietsverkaufsleiterin nach, ist viel mit dem Auto unterwegs. „Viele meiner Kunden wissen über meine Krankheit Bescheid und zeigen Verständnis, wenn es an manchen Tagen nicht so gut geht“, sagt sie.

Durch den Austausch mit anderen Betroffenen weiß Katrin Wöhner, wie schwierig es ist, einen Rheumatologen zu finden. Umso mehr ist sie froh, bei Anke Graß in Behandlung zu sein. „Bei ihr fühle ich mich gut aufgehoben. Sollte es irgendwann einmal dazu kommen, dass ich stationär behandelt werden muss, weiß ich, wohin ich fahren werde“, sagt sie. Auf Empfehlung erhielt sie vor sieben Jahren einen Termin bei Anke Graß und fährt regelmäßig in die HELIOS Klinik Bleicherode.

In wenigen Wochen feiert Anke Graß mit ihrer Rheumasprechstunde ihr 10-Jähriges Jubiläum. Der Behandlungsbedarf ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Jeden Mittwoch untersucht sie Männer und Frauen jeden Alters, die von einer rheumatischen Erkrankung betroffen sind, pro Quartal rund 240 Patienten, insgesamt gehören zu ihrem Patientenstamm ca. 650 Patienten. Die meisten von ihnen kommen alle drei bis sechs Monate, um sich von der erfahrenen Rheumatologin behandeln und ihren Krankheitsverlauf kontrollieren zu lassen. Neue Patienten müssen mitunter fünf bis sechs Monate auf einen Termin warten.

Obwohl die Forschung in den letzten Jahren viele Fortschritte gemacht hat, ist die Ursache der rheumatoiden Arthritis noch ungeklärt. Das besondere Merkmal der Erkrankung ist, dass das Entzündungsgewebe in den Gelenkknorpel und in die Knochen einwächst. Bei ungebremster Entzündung werden diese Gelenkstrukturen zunehmend abgebaut und die Gelenke zerstört. „Leider ist es so, dass bei ca. 90% der Patienten innerhalb der ersten 2 Jahre bereits Gelenkzerstörungen auftreten und im Röntgenbild sichtbare Veränderungen nachweisbar sind. Daher ist es notwendig, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und eine entsprechende Behandlung einzuleiten“, sagt Anke Graß.

Neben der Erhebung der Krankheitsgeschichte und der körperlichen Untersuchung sind Laboruntersuchungen erforderlich. Hierbei werden Entzündungsmarker getestet und auf bestimmte Rheumafaktoren untersucht. Da diese jedoch nur als Indikator dienen und auch bei gesunden Menschen auftreten können, sind Röntgenuntersuchungen erforderlich. Zu Beginn der Erkrankung sind meist keine Veränderungen sichtbar. Sie gelten aber als wichtiger Ausgangsbefund und als Vergleichsmöglichkeit für den Verlauf der Erkrankung. Weitere Informationen, insbesondere über Gelenkweichteile und Sehnen, können mit Ultraschall oder mittels MRT gewonnen werden.

Zu Beginn der Therapie werden schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente eingesetzt. Wenn eine entzündlich rheumatische Erkrankung gesichert ist, kann im Einzelfall der Einsatz von Kortisonpräparaten zur schnelleren Kontrolle der Entzündungsaktivität erforderlich sein. „Danach werden Basistherapeutika eingesetzt, die langfristig den Verlauf der chronisch-entzündlichen Erkrankung positiv beeinflussen, d.h. das Voranschreiten der Erkrankung aufhalten oder zumindest verlangsamen“, sagt Graß, die seit nunmehr 12 Jahren in der HELIOS Klinik Bleicherode arbeitet. Wird dadurch keine ausreichende Krankheitskontrolle erzielt, ist der Einsatz sogenannter Biologika erforderlich. Die gentechnisch hergestellten Eiweißstoffe greifen in den Mechanismus des Krankheitsablaufes ein, indem gezielt bestimmte entzündungsfördernde Substanzen des Immunsystems abgefangen und ausgeschaltet oder blockiert werden. Neben medikamentöser Therapie, gehören physikalische Therapie, Krankengymnastik, Ergotherapie sowie befundabhängig eine orthopädietechnische Versorgung zum Behandlungsspektrum.

Daniela Holz hat ihr Leben auf die entzündliche Krankheit in ihrem Körper eingestellt. Obwohl es ihr Probleme bereitet, geht sie ihrer Bastelleidenschaft nach und betreibt damit erfolgreich einen Blog. Ihre Röntgenbilder weisen bereits deutliche Knochenveränderungen auf. Regelmäßig muss sie sich spritzen und hofft dadurch, eines Tages auf die Einnahme der Medikamente und des Kortisons verzichten zu können. „Trotzdem geht es mir gut. Ich weiß, es könnte schlimmer sein“, sagt sie. „Mit Frau Graß habe ich außerdem eine Spezialistin an meiner Seite, an die ich mich immer wenden kann.“

Für die Rheumasprechstunde in der HELIOS Klinik Bleicherode benötigen Patienten eine Überweisung von einem Facharzt für Orthopädie oder Facharzt für Innere Medizin, vorgestellt werden können Patienten mit gesicherter Rheumadiagnose oder dem Verdacht auf eine rheumatische Erkrankung. Am 4. Juli spricht sie in der Patientenakademie der HELIOS Klinik Bleicherode zum Thema: „Volkskrankheit Rheuma – Nur etwas für alte Leute?“

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